Die Ruhe nach dem Sturm

Die Ruhe nach dem Sturm
Die Sonne verschwand glühend hinter den Bergen. Ein langer Tag neigte sich dem Ende zu. Es war still geworden. Der Orkan, der tagelang auf ihrer kleinen Insel gewütet hatte, war vorüber. Friedliche Stille senkte sich auf das verwüstete Land und deckte es mit Erinnerungen zu.
Sabrina stand inmitten dieser Verwüstung, einsam und verloren. Sie konnte es nicht fassen. Der Sturm hatte sie hin- und hergerissen, ihr heftige Wunden zugefügt.
Es gab Momente, in denen sie glaubte, sie würde fortgerissen.
Momente, in denen sie sich dem Sturm wütend entgegenwarf und ihm zurief: „Hier hast du mich, nimm mich und trag mich davon. Dann hast du, was du willst. Aber hör endlich auf. Ich will und kann nicht mehr.“
Und dann gab es Momente, in denen sie sich vom Sturm willenlos treiben ließ, Momente, in denen sie einfach aufgab.
Doch der Sturm wollte sie nicht ganz. Er verschonte sie nicht, nein, bei Gott nicht. Er packte, schüttelte, missbrauchte sie aufs schändlichste, aber er nahm sie nicht mit.
Als er endlich von ihr abließ, fielen Angst, Wut und Trauer für einen Moment von Sabrina ab. Es war vorbei und sie hatte überlebt. Für einen Moment durchströmte sie Euphorie. Sie war erfüllt von einer unglaublichen Energie. Sie fühlte sich frei, glaubte fliegen zu können…
Doch dann stürzte sie hinab und schlug hart auf dem Boden auf. Jetzt erst sah, begriff sie das Ausmaß der Zerstörung.
Geliebte Menschen waren im Sturm verloren gegangen, ihr Haus, ihr Heim war zerstört, Bäume waren umgeknickt oder mit ihren Wurzeln aus der Erde herausgerissen worden. Sie selbst hatte tiefe Verletzungen davongetragen, von denen sie nicht wusste, wie sie jemals heilen sollten.
Die Erleichterung darüber, dass es vorbei war, wich einer unendlichen Leere. Sie hatte nichts mehr, außer ihr Leben.
Ihr Leben… dafür sollte sie dankbar sein. Sie wusste das, doch ihr Herz und ihre Seele konnten das nicht empfinden. Erschöpft sank sie inmitten der Verwüstung zu Boden. Unfähig sich zu bewegen, unfähig auch nur einen Gedanken zu fassen.
Sie war so müde, so unendlich müde…
Morgen, ja, morgen vielleicht, dachte sie und schloss die Augen…
Martina Hildebrand