Morast
Morast
Nebel zieht durch meinen Kopf, hüllt meine Gedanken ein. Nichts denken, um nichts zu fühlen. Meine Glieder sind schwer, jede Bewegung kostet unendlich viel Kraft. Meine Flügel habe ich verloren.
Doch ich muss weitergehen, immer weiter, schleppend schwer durch den Morast. Er will mich festhalten, er will, dass ich versinke, doch es gibt keinen anderen Weg. Ich muss da hindurch. Es ist der einzige Weg in die Freiheit, der einzige Weg zu neuen Flügeln.
Bei jedem Schritt umklammert der klebrige Schlamm gierig meine Füße, kriecht die Beine hinauf, haftet an mir. Nur widerwillig lässt er meinen Fuß los, giert auf den Augenblick, in dem ich ihn erneut in den Morast setzen muss.
Manches Mal scheint es mir, als hätte ich nicht die Kraft den Fuß wieder hinauszuziehen. Ich bleibe stehen, sinke tiefer und tiefer… und der Morast würde mit Wonne in Mund und Nase sickern, bis ich ersticke… wäre da nicht die Hand, die mich immer wieder hält und hinauszieht. Wenn sie mich berührt, kitzelt es im Rücken und für einen Moment glaube ich, dass mir neue Flügel wachsen.
Wie viel Weg liegt noch vor mir, bis ich wieder den festen Boden der Gegenwart unter meinen Füßen spüren, bis ich wieder hüpfen und springen kann? Bis ich den Morast der Vergangenheit hinter mich gelassen habe?
Manchmal wünschte ich, ich könnte ihn einfach überfliegen…
Martina Müller
