
Ein Glück, dass es vorbeigeht
Inspiriert durch Sabines Kommentar zu meinem Glücksbringer-Beitrag juckt es mir in den Fingern, einen Punkt noch mal aufzugreifen:
„Wir müssen nicht ständig glücklich sein. Glück muss vorbeigehen.“
Wir glauben oft, mit uns würde etwas nicht stimmen, nur weil wir nicht ständig glücklich sind. Wir glauben Glücklichsein wäre der Normalzustand. Also jagen wir dem Glück hinterher und sind automatisch unglücklich. Welch ein Druck auf uns lastet, unbedingt etwas finden zu müssen, was uns glücklich macht. Die Werbung nutzt das sogar aus und versucht uns einzureden, dass Haare waschen mit einem bestimmten Shampoo ein Erlebnis ist und uns glücklich macht. Shampoo! Shampoo ist da, um sich die Haare zu waschen, es muss uns nicht glücklich machen und es ist vollkommen normal, wenn wir beim Haare waschen nicht in Ekstase verfallen.
Dem Glück hinterher jagen macht nicht glücklich.
Habt ihr schon mal nach einem Vierblättrigen Kleeblatt gesucht? Wie oft habt ihr eins gefunden, wenn ihr gezielt danach gesucht habt, und wie lange hat es gedauert, bis ihr – wenn überhaupt – eins gefunden habt? Wie groß oder klein war das Glücksgefühl nach stundenlanger Suche und wie groß die Enttäuschung, wenn die Suche erfolglos war?
„War ja klar, dass ICH keins finde.“ „ICH habe ja sowieso NIE Glück.“ Kommen euch solche Gedanken bekannt vor? Mir schon.
Dr. med. Eckart von Hirschhausen würde vermutlich raten: „Nehmen Sie einfach eins mit drei Blättern, davon gibt es mehr.“
Letztens, als ich wieder mal mit meiner Kamera auf der Suche nach dem ultimativen Motiv war, blickte ich zufällig auf eine Stelle mit Kleeblättern. „Nein“, dachte ich, „ich suche jetzt nicht“. Und gleich darauf: „Ach, gucke mal an, da stehen zwei Kleeblätter so beieinander, dass es wie ein Vierblättriges Kleeblatt aussieht.“ Ein Motiv, ein Motiv! Auf dem Foto würde man gar nicht sehen, dass es sich um zwei Kleeblätter handelt. Was für ein Glück, fast wäre ich drauf getreten.
Ich knipse also. Erst dann schaue ich mir diese zwei Kleeblätter genauer an und entdecke erstaunt, dass es tatsächlich ein echtes Viererblatt ist. Ich bin überrascht, dann erfreut und schließlich begreife ich mein Glück und ein Glücksgefühl breitet sich in mir aus. Und wie ich noch immer staune, dass ich das „echte Glück“ fast für falsch gehalten habe, entdecke ich ein zweites Viererkleeblatt, so viel Glück auf einmal. Ich schwebte nach Hause.
Natürlich wollte ich das Glück festhalten, also pflückte ich die zwei Glückskleeblätter und stellt sie Zuhause in eine Vase. Ja, ich stelle seit einiger Zeit meine gefundenen Kleeblätter immer in die Vase. Ich mag dieses vertrocknete „Glück“, aus denen jeglicher Lebenssaft herausgepresst wurde, nicht so sehr, nur damit es „ewig“ hält. Im Wasser hingegen, sieht der Glücksklee noch eine ganze Weile schön und frisch aus. Doch auch hier hält er sich nicht ewig. Das geht auch gar nicht. Alles was lebt, stirbt auch irgendwann. Denn wenn es das nicht täte, dann lebte es auch nicht.
Nachdem die Kleeblätter langsam gelb wurden, beschloss ich sogar, beim nächsten Mal, die Kleeblätter an ihrem Platz stehen zu lassen. Sie werden sich auch da nicht ewig halten, doch das größte Glücksgefühl habe ich in dem Augenblick, wenn ich sie finde. Festhalten kann man das Glück nicht, es bleibt solange es bleibt. Aber ich kann mich an den Moment erinnern, als ich die Glücksblätter gefunden habe, ich kann das Glück in meinem Herzen mitnehmen. Das geht, auch ohne dass ich die Kleeblätter abpflücke.
Das Glücksgefühl kann nicht ewig anhalten. Wir könnten uns dann gar nicht mehr über etwas anderes freuen. Wenn es immer da wäre, hätte es vermutlich nicht mal den Namen „Glück“, weil es der Normalzustand wäre. Es muss vorbeigehen. Und ich für meinen Teil finde es eine große Erleichterung, dass ich nicht immer glücklich sein MUSS. Ich kann mich also auch normal fühlen, wenn ich traurig, wütend oder ängstlich bin. Ich darf die ganze Bandbreite der Gefühle haben. Denn nur so wird das Glück zu dem was es ist: Ein Glück.
Ein Glück, dass es vorbeigeht.
Martina Müller