Das Mülltonnendrama
Das Mülltonnendrama
Stellt euch vor, ihr wollt eure geleerte Mülltonne von der Straße holen und sie ist nicht mehr da…
Letzte Woche Dienstag wurden bei uns die Mülltonnen geleert. Diese Tatsache an sich ist natürlich noch kein Drama. Aber, wie leicht kann sich ein Drama entwickeln, wenn mehrere unglückliche Umstände zusammentreffen…
Normalerweise stelle ich die geleerte Mülltonne dann wieder an ihren Platz, wenn ich mit unserem Hündchen spazieren gehe. Doch an jenem Dienstag waren die Müllmänner spät dran, die Mülltonne noch nicht geleert und ich vergaß die Tonne erstmal.
Am späten Nachmittag warf ich zufällig einen Blick aus dem Fenster. Mit Befremden erspähte ich, wie ein Mann in Uniform um unsere Mülltonne herumschlich, sie regelrecht kritisch begutachtete. Ich meine, was ist an einer grauen Mülltonne schon Besonderes? Kennst du eine, kennst du alle. Doch plötzlich wurde mir flau im Magen. War der vielleicht von der Polizei oder vom Ordnungsamt? Hatten wir uns vielleicht irgendeines Mülltonnenvergehens schuldig gemacht? Gleich fielen mir alle möglichen und unmöglichen Sünden ein… aber nein, eine Mülltonne kam nicht vor. Puh, Glück gehabt. Aber was konnte der dann von unserer Mülltonne wollen? Hatte einer was da drin versteckt? Sauerei. Oh Gott, da war bestimmt einer umgebracht worden. Bilder von zersägten Leichenteilen in verschiedene Säcke verteilt tauchten vor meinem inneren Auge auf. Schon wollte ich hinausrennen und beteuern, dass ich unschuldig bin, dass diese Leichenteile nicht von mir stammten, dass weder ich noch mein Schatz fähig wäre, auch nur einer Fliege was zuleide zu tun, da hielt ich plötzlich inne. Das sah doch eher nach einer Fliegeruniform aus, als nach Polizei. Na klar, das musste einer von den neuen Nachbarn, zwei Häuser weiter, sein. Aber was um Himmels Willen hatte ein Flieger mit unserer Mülltonne zu schaffen? Sie sprach ja nicht mal englisch.
Überraschend ließ der Mann von unserer Tonne ab und entfernte sich ärgerlich. Komisch, war unsere Mülltonne etwa frech geworden? Hmm… irgendwie blieb ein ungutes Gefühl.
Seit ein neues Abfallentsorgungsunternehmen für uns zuständig ist, ziert ein Aufkleber mit Straßennamen und Hausnummer unsere Tonne. Heißt, sie kann eigentlich nicht versehentlich weggenommen werden. Mir kam der Gedanke, dass dieser Fliegermensch seine eigene Mülltonne suchen könnte und enttäuscht war, dass auf UNSERER Mülltonne auch UNSERE Hausnummer stand… Hmmm… vielleicht sollte ich unsere Tonne schnell in Sicherheit bringen… sie war inzwischen geleert und das ungute Gefühl in meinem Bauch wollte nicht verschwinden. Doch dann kam es anders, ich wurde abgelenkt und das Schicksal der Tonne war besiegelt.
Nach dem Abendspaziergang mit unserem Hündchen wollte mein Schatz dann endlich unsere Tonne nach Hause holen… endlich wieder daheim… schnüff… Zu spät, die Tonne war weg! Allein der Gedanke, dass jemand eine Mülltonne klauen würde, war so unvorstellbar, dass mein Schatz glaubte, sie noch gesehen zu haben, als er vom Spaziergang zurückkam. Typisches Mülltonnenklau-Verdrängungssymptom. Erst als er völlig unbedarft einen Müllbeutel in die Tonne werfen wollte, um sie anschließend an ihren Platz zu bringen, stellte er sich mutig der Wahrheit. Er guckte dumm aus der Wäsche und wurde all seines Mülltonnenvertrauens auf immer beraubt. Die Stelle, wo unsere über alles geliebte Tonne gestanden hatte war leer.
Gestohlen, gemopst, geklaut! Wir waren sauer. Stinksauer! Was fiel denen ein, einfach unsere Tonne zu klauen? Wir fühlten uns bis ins Mark verletzt. Unser Vertrauen in die gute Nachbarschaft war bis auf die Grundmauern erschüttert. Mit Argusaugen betrachteten wir jedes Haus, das wir vom Fenster aus sehen konnten, als würde es bei unseren Blicken die Tonne wieder ausspucken. Plötzlich war jeder Nachbar verdächtig, jeder hinter den Türen konnte ein Dieb sein. Konnte DER Dieb sein. Der Mülltonnendieb. Wer konnte wohl so unverschämt sein und anderen Leuten die Mülltonne klauen? So was tut man einfach nicht. Es gehört ja wohl zum Anstand, die Mülltonne des Nachbarn zu respektieren. Wo sollte das hinführen, wenn solche einfachen Anstandsregeln nicht beachtet würden. Spontan fiel uns die Sendung „Höllische Nachbarn“ ein. So fängt das also an. Mit Mülltonnenklau.
So sehr wir auch die Straße mit unseren Blicken absuchten, die Mülltonne blieb verschwunden. Eine leise Hoffnung schlich sich in unsere Herzen, dass der Dieb seine Sünden über Nacht bereuen und uns die Mülltonne wieder vor die Türe stellen würde…
Doch der Dieb war kein reuiger Sünder, er war eiskalt.
Wir überlegten, überall Zettel aufzuhängen: „Mülltonne schmerzlich vermisst, dunkelgrau, mit Deckel, 80 Liter groß…“ Wir verwarfen den Gedanken, riefen stattdessen die Abfallstelle an und meldeten den Mülltonnenklau.
„Ach“, sagte der Mann am anderen Ende, „geht das wieder los.“ Er hätte das noch nirgends so erlebt, aber in Heinsberg wären tatsächlich schon des Öfteren Mülltonnen geklaut worden.
Äh, was um Himmels willen macht man mit einer Mülltonne, wenn man schon eine hat???
Eine Antwort hierzu konnte uns der freundliche Herr am anderen Ende der Leitung auch nicht liefern. Es käme aber auch schon mal vor, dass eine Tonne beim Leeren in den Wagen fiele und geschreddert würde, meinte er noch. Er würde das nachprüfen und sich wieder melden.
Und tatsächlich, es war eine Tonne geschreddert worden, vermutlich die des Diebes. Und als der Mann-ohne-Mülltonne merkte, dass seine Tonne verschwunden war, hatte er im Schutz der Dunkelheit unsere entwendet. Dieser Schuft! Klaut der einfach unsere Mülltonne. Blödmann! Wo kämen wir denn hin, wenn jeder, dem was abhanden kommt, sich kurzerhand woanders bedienen würde??? Er hätte ja schließlich auch bei der Abfallstelle anrufen und seine fehlende Mülltonne melden können.
Ein Lob an die Mülltonnenbeauftragten muss ich an dieser Stelle noch loswerden. Vormittags angerufen, nachmittags hatten wir bereits die neue Tonne vor der Türe. Das nenne ich jetzt mal Service. Und den Mülltonnenklauer, den kriegen wir auch noch.
Martina Müller
