Mathematik beim Bäcker – eins plus zwei gleich eins
Kann man mitten in einer Bäckerei voller Leckereien stehen und verhungern? Man kann! Zumindest in dieser Stadt: Ratingen.
Sonntags besuchen wir üblicherweise meinen kranken Vater. Er liebt Kuchen und da man sich ja sonst nichts gönnt… wollten wir diesmal nicht nur für meinen Vater sondern auch für uns Kuchen besorgen. Ein Bäcker, der sonntags geöffnet hat, findet sich ja immer. So auch in Ratingen. Während mein Schatz also im Auto wartet, mache ich mich auf den Weg etwas Süßes zu organisieren.
Just in dem Moment, als ich die Bäckerei betrete, scheint die halbe Stadt auf den Beinen zu sein und genau in diesem Augenblick gewisse Triebe zu verspüren. Natürlich. Ausgerechnet jetzt ist es proppevoll in dem kleinen Laden. Doch noch etwas scheinen die Menschen in der Bäckerei zu verspüren: Angst. Nackte Angst leer auszugehen. Auch ich spüre diese Angst tief in mir, fixiere verzweifelt ein einsames Marzipanhörnchen, in der Hoffnung, dass mein Blick es für andere unsichtbar macht. Wohlerzogen wie ich bin, stelle ich mich dennoch hinten an. Mindestens ein Mann und eine ältere Frau betreten nach mir die Bäckerei. Keine Ahnung wer und wie viele sonst noch nach mir dem Ruf nach Süßem gefolgt sind… Das Wissen an sich, hätte aber vermutlich auch keine Rolle gespielt.
Der Laden leert sich nach und nach, ich warte und warte und warte und denke, irgendwann müsse ich nach meinen mathematischen Berechnungen auch mal dran sein… Fehlanzeige. Offensichtlich habe ich das System falsch verstanden. Es geht gar nicht der Reihe nach, es spielt gar keine Rolle, wo man steht und wann man gekommen ist. Einzig und allein die Stimme ist entscheidend. Und zwar wie kräftig sie ist. Wer seine Wünsche am lautesten äußern kann, ist dran. Okay, denke ich, nachdem letztlich nur noch drei Kunden im Laden stehen, ich eingerechnet… jetzt ist meine Stunde gekommen. Ich bin dran.
Meinen Berechnungen zufolge waren mindestens zwei Personen nach mir gekommen. Und eins plus zwei macht drei. Wir sind drei. Das kann nur eins bedeuten: Ich bin wirklich und wahrhaftig an der Reihe! Doch mathematische Berechnungen scheinen in einer Bäckerei keinen Platz zu haben… Der eine Mann rechts von mir wird bereits bedient, äh, war der nicht nach mir gekommen (?), als die Frage von der zweiten Verkäuferin kommt: „Wer ist jetzt dran?“ Jetzt oder nie, denke ich mir! Wenn eins plus zwei nicht drei ist, dann vielleicht zwei. Tapfer melde ich mich zu Wort, entschlossen mein Recht einzufordern, entschlossen der Mathematik gerecht zu werden… da faucht es links von der Seite: „Ich war ja wohl eindeutig vor Ihnen dran!“
Mein Blick fällt auf einen alten B… äh, eine ältere Frau! Und zwar auf jene, die eindeutig nach mir den Laden betreten hat. Die Verkäuferin zuckt nur mit den Schultern und meint, es würden alle dran kommen… Super! Vielen Dank auch. Innerlich kochend, übe ich mich in vornehmer Zurückhaltung, stelle aber klar, dass ich durchaus registriert habe, dass dieser… dieser… diese… ältere Frau sich vorgepfuscht hat: „Ich war definitiv nicht die Letzte, die gekommen ist, das weiß ich wohl! Aber bedienen sie ruhig die „Dame“, ICH habe Zeit.“
Mit Wonne registriere ich, dass die Vorpfuscherin puterrot anläuft und es nicht mehr wagt mich anzusehen. Ich hingegen lasse es mir nicht nehmen, sie abschätzend von der Seite zu betrachten, während sie ihre Wünsche preisgibt. Meine Laune bessert sich zusehends, als ich sehe, dass ihre Gesichtsfarbe immer leuchtender wird, und dass sie mein Marzipanhörnchen keines Blickes würdigt.
Und wenn ich recht bedenke, auf die fünf Minuten kam es nun wirklich nicht mehr an. Immerhin konnte sich jetzt keiner mehr vorpfuschen, ich war allein mit den Verkäuferinnen und konnte nun in aller Ruhe aussuchen, was ich wollte. Ganz ohne Hektik.
Fast beschwingt kehre ich also zum Auto zurück, wo mein Schatz mich sehnsüchtig erwartet: „Ich dachte schon du wärst verschollen. Alle die nach dir gekommen sind, sind schon lange wieder draußen…“
„Ja, ist ja auch unverschämt, da war doch so ein blöder B… vorpfuschen… kam nicht zu Wort… alle unhöflich hier… unverschämt… ein Durcheinander…“
Was soll ich sagen, als wir bei meinem Vater in der Klinik ankamen, war mein Schatz auf dem neusten Stand in Bezug auf Umgangsformen und Bäckereifachberechnungen…
Martina Müller