Erwachen

Abgelegt unter: Gedankensplitter, Alles, Lyrik — Buchstabenwiese at 11:58 am on Mittwoch, Februar 27, 2008

Erwachen

Weiß und unschuldig liegst du vor mir,
wie Schnee in der Morgendämmerung.
 

Die ersten Spuren,
wer wird sie hinterlassen,
die ersten Fährten,
wie viele werden es sein,
die ersten Tritte,
sind sie groß oder erst klein?

Sind es hastige Kinderfüßchen,
tiefe Eindrücke eines Greises?
Vielleicht ein Vogel,
der winzige Furchen hinterlässt,
bevor er sich in die Lüfte schwingt?
Vielleicht ein Häschen,
das spielerisch durch das Weiß hoppelt?

Vielleicht ist es von allem etwas,
was das unberührte Weiß
erwachen lässt.

Vom Leben berührt liegst du vor mir,
wie Schnee in der Abenddämmerung.

Martina Müller

Der Realist

Abgelegt unter: Sinnig Unsinniges, Gedankensplitter, Alles — Buchstabenwiese at 3:59 pm on Sonntag, Februar 24, 2008

Der Realist 

„Es ist, wie es ist“,
sprach der Realist
und ließ alles wie es ist. 

Martina Müller

Der vergessene Tag

Abgelegt unter: Zeit, Sinnig Unsinniges, Alles, Tagebuch — Buchstabenwiese at 3:53 pm on Samstag, Februar 23, 2008

Der vergessene Tag 

Unglaublich! Herr Seiwert hat auf meinem „Zeit-Kalender“ den heutigen Tag vergessen. Er ist einfach nicht da. Also, der Tag… Der Herr Seiwert auch nicht, aber das ist okay. Das mit dem Kalenderblatt allerdings nicht. Es fehlt. Nein, ich habe nicht zwei Blätter abgerissen. Natürlich habe ich schon nachgesehen. Der heutige Tag fehlt. Punkt. 

Ob das was zu bedeuten hat? Vielleicht ist Herr Seiwert auch unter die Zeitdiebe gegangen? Immerhin befasst er sich ja ausgiebig mit der Zeit, wenn ich mir die drei Bücher von ihm ansehe, die in meinem Regal stehen. Brauchte er vielleicht mehr Zeit fürs Glück? Man stelle sich vor, 24 Stunden von all den Menschen, die diesen Kalender gekauft haben… Da würde Herr Seiwert sicher reich werden, denn Zeit ist ja bekanntlich Geld. Komisch, dass ich dann kein Geld habe…  

Vielleicht dachte Herr Seiwert, im Februar würde es nicht auffallen, weil der Februar dieses Jahr eh einen Tag zuviel hat. Da können wir ruhig einen wegnehmen. Ja, ja, 2008 ist ein Schaltjahr. Ein Jahr, in dem endlich wieder alle Menschen Geburtstag haben, die am 29. Februar geboren sind. Ob die Armen eigentlich nur alle vier Jahre Geschenke bekommen? Hmm… Na, dann können sie aber froh sein, dass Herr Seiwert den heutigen Tag vergessen hat und nicht den 29.  

Martina Müller

Arachnophobie

Abgelegt unter: Tierisches, Alles, Geschichten, Tagebuch — Buchstabenwiese at 9:55 pm on Donnerstag, Februar 21, 2008

Arachnophobie  

Frisch geduscht und nichts ahnend stehe ich vor dem Waschbecken und putze mir die Zähne. Beim Zähneputzen habe ich oft die besten Einfälle fürs Schreiben. Völlig entspannt und locker hänge ich meinen Gedanken nach…
Doch plötzlich nehme ich aus dem rechten Augenwinkel etwas Schwarzes wahr. Ein spitzes, durchdringendes, kurzes aber lautes Kreischen entfährt meiner Kehle. Ich bin froh, dass sich im Bad kein dünnes Glas befindet, sonst läge spätestens jetzt der Boden voller Glassplitter. 

Mit Schaum und Zahnbürste im Mund zwinge ich mich, einen Blick auf das Schwarze Etwas zu riskieren. Ich vernehme ein erneutes Kreischen. Weder Schaum noch eine Zahnbürste im Mund können Kreischen verhindern, soviel steht schon mal fest. Dünne gliedrige schwarze Beinchen an einem ekligen tiefschwarzen Körper krabbeln hektisch hinter die Wärmflasche, die neben dem Waschbecken hängt. AAAAAAAH! Eine Spinne. Aaaaaaaaaaaaaah… was jetzt? Ich sehe drei der acht schwarzen Glieder hinter der Wärmflasche hervorgucken. Mein eben noch entspannter Körper erstarrt völlig. Bewegungsunfähig stehe ich da, noch immer mit Schaum und Zahnbürste im Mund, und starre die drei Monsterbeine an…  

Im Gegensatz zu meinem Körper sind meine Hirnzellen jetzt hyperaktiv. Fiebrig suchen sie nach einer Lösung. Ein hysterischer Panikanfall kündigt sich an. Für einen Moment überlege ich, ob mein Schatz nicht eben vom Büro die 80 km nach Hause kommen könnte… AAAAAAAAAAAH! Sie bewegen sich! Die drei schwarzen Beine verschwinden. Ich muss sofort was unternehmen. Aber was? Die Wärmflasche abnehmen und… Neeeeeeeeee! Was, wenn die Spinne da dranhängt und mir über die Finger krabbelt? Neeeeeeee, auf gar keinen Fall. Der Staubsauger! Ja. Gute Idee, Martina. Der Staubsauger muss her. Ich muss den Staubsauger holen. Ja! Der Staubsauger… Schaum ausspucken, Zahnbürste aufs Waschbecken legen, Staubsauger aus dem Schlafzimmer holen, Stecker in die Steckdose stecken und Staubsauger anmachen. Gut gemacht.  

Mit dem Saugrohr bewaffnet taste ich mich ins Bad vor und gehe in Kampfstellung. Ich muss spontan an Ghostbusters denken… Mit lärmendem Staubsauger stehe ich vor der Wärmflasche und warte auf das achtbeinige Monster… Oh Schreck, hoffentlich ist es nicht woanders hingekrabbelt. Panisch sehe ich mich um. Jeden Moment darauf gefasst angegriffen zu werden. Nichts zu sehen. Ich schlage mit einem Schlappen auf die Wärmflasche. Nichts. Vielleicht ist das Monster mittlerweile hinter den Schrank gekrabbelt, der direkt neben der Wärmflasche steht… ich rücke den Schrank ab… nichts. Sie muss also noch hinter der Wärmflasche sein. Ich klopfe noch mal mit dem Schlappen dagegen und warte… und warte… und warte… Da, da kommt das schwarze achtbeinige Monster hervorgekrabbelt. AAAAAAAAAAAAAAAAH! Erschrocken krabbelt es ins Versteck zurück. Na Prima. Können Spinnen hören? Erneut begebe ich mich in Wartestellung…   

Nach einer halben Ewigkeit traut sich die Spinne erneut aufs offene Feld. Jetzt aber! Laut kreischend halte ich das Saugrohr an die Spinne… ich hoffe, die Nachbarn denken nicht, dass ich abgemurkst werde… und lasse den Staubsauger laufen… und laufen… und laufen… ob die Spinne da wohl wieder rauskommen kann? … und laufen… hmmm… der Staubsauger hat gar keinen Beutel… also, ich leere das Ding auf gar keinen Fall! …und laufen…
Mir ist schlecht, mir kribbelt es im Gesicht, an den Armen, den Beinen, dem Kopf, am Rücken… überall. Ich ekle mich. Meine Beine zittern. Mir ist zum Schreien. Kurzerhand mache ich den Staubsauger aus und stopfe Toilettenpapier in das Saugrohr, um alle eventuellen Fluchtwege zu versperren. 

Mann, ich muss was gegen meine Spinnenphobie tun. Es kann doch wohl nicht wahr sein, dass eine erwachsene Frau solch panische Angst vor diesen kleinen Viechern hat! Obwohl… so klein war sie nun auch wieder nicht. Brrrrrrrrr. Mir kribbelt es immer noch überall… Ich nehme angeekelt den Staubsauger und stelle ihn ins Büro von meinem Schatz. Auf keinen Fall ins Schlafzimmer! Man kann ja nie wissen, welche Tricks Spinnen so draufhaben…    

Vielleicht sollte ich doch nach Grönland auswandern… 

Martina Müller

Sein oder Nichtsein…

Abgelegt unter: Sinnig Unsinniges, Alles, Tagebuch — Buchstabenwiese at 10:44 am on Dienstag, Februar 19, 2008

Sein oder Nichtsein
Vom Leben und Leiden einer Schriftstellerin 

Warum schreibe ich eigentlich? Nein, nicht im Allgemeinen und überhaupt, sondern jetzt, im Besonderen, hier und jetzt.  

Mir fällt nichts ein, ein leeres Blatt klagt mich an, es will Stoff, es will die beste Komposition von Wörtern, die jemals in diesem Universum geschrieben wurde. Sorry Blatt, doch nicht etwa von mir? Ich bin doch kein schriftstellernder Mozart… Doch, es will diese Komposition von mir. Ob mit oder ohne Mozart. Das leere Blatt wartet sehnsüchtig auf Erfüllung. Und nur ich scheine sie ihm geben zu können. Klar, ist ja auch sonst keiner hier, der das tun könnte. Es geht also gar nicht um mich, sondern nur um das verdammte leere Blatt. Das leere Blatt wartet auf Wörter, die das Weiße, Unbeschriebene mit Leben füllen. Und zwar nicht mit irgendeinem Leben. Sinnvolle Wörter müssen es sein, hervorragende Wörter, Wörter, die in dieser Konstellation noch niemand hervorgebracht hat. Wörter voller Poesie. Tiefgründig wäre auch noch schön. Na klar, noch mehr? Zweideutig, aha. Ein ganz schön anspruchsvolles Blatt! 

Doch bevor es einfach nur leer bleibt, wäre es vielleicht… wie wäre es mit sinnlosen Wörtern, einfach aneinandergereiht. Gibt doch auch ein schönes Muster. Ach, wir sind nicht in der Designabteilung für Tapetenentwürfe? Ja, richtig. Ich dachte ja nur. Wörter müssen einen Sinn ergeben? Okay, ich denke ja schon nach. Aber warum eigentlich nicht sinnlose Wörter? Ich brauche doch keinen Preis… Doch? Ach so. Und wenn ich doch einfach nur schreibe? Irgendwas? Ach… dann ist kein Platz mehr auf dem Blatt für die Erleuchtung, für die wunderbaren Wörter mit Sinn und Tiefgang, für Wörter durch die man ein neues, lebendigeres Leben blitzen sieht, Wörter, die ein Tor in eine neue fantastische Welt aufstoßen, Wörter, die alle magisch anziehen. Aha… und wenn das Blatt leer bleibt, dann bleibt wenigstens die Hoffnung, dass sich irgendwann mal wunderbare Wörter auf diesem Blatt verirren und es damit zu etwas Besonderem machen. Solange bleibt es ein leeres Blatt voller Hoffnung, weiß und unbeschrieben… 

Ach was soll’s, bevor mir der Stift zittrig aus der Hand fällt, bevor das öde weiße Blatt vergilbt, schreibe ich lieber sinnloses Zeug. Und wenn irgendwann die Wörter kommen, die die ganze Welt verändern… dann nehme ich einfach ein neues Blatt!

Martina Müller

Leiden wie ein Hund Teil zwei…

Abgelegt unter: Tierisches, Alles, Tagebuch — Buchstabenwiese at 12:19 pm on Sonntag, Februar 17, 2008

Leiden wie ein Hund Teil zwei
Wenn die Hormone verrückt spielen 

Jetzt ist es soweit! Unser Hündchen ist zum Wolf mutiert. Ich höre ihn unten im Wohnzimmer heulen wie ein Wolf. Ich sehe es genau vor mir, wie er vor der Terrassentüre sitzt, sein Köpfchen - mit der Schnauze nach oben - reckt, mit lang gestrecktem Hals und heult. Es geht mir durch Mark und Bein. Der Höhepunkt seines Leidens ist erreicht. Die gute Nachricht daran ist: Nun ist es bald geschafft.   

Schon als ich noch im Bett lag, ging er mir heute tierisch auf die Nerven. Er sprang rauf aufs Bett, runter vom Bett, rauf aufs Bett, runter vom Bett, rauf, runter, rauf… saß vor dem Bett auf meiner Seite und bettelte und jammerte mich an. Dann lief er auf die Seite von meinem Schatz und bettelte und jammerte ihn an. Unser Hündchen nervte solange, bis ich aufgestanden bin. *grummel* Normalerweise ist unser Pepper ein Langschläfer. Er steht noch lange nicht auf, wenn ich aufstehe. Nee, solange ich nicht fertig geduscht die Treppe runter gehe, um Frühstück zu machen, bleibt er gemütlich im Bett liegen. Vorher passiert ja eh nix. Und sollte es mal ungewöhnlich früh sein, dann lockt ihn nicht mal die Aussicht auf Frühstück. Aber jetzt lässt ihn der Liebeskummer nicht schlafen, nicht zur Ruhe kommen. Uns leider auch nicht.  

Gestern hat er bereits sein Fressen nicht angerührt, nur die Leckerchen verspeist, auch sein Blick für die Realität schien leicht vernebelt zu sein, als er Anstalten machte, uns zu bespringen. Aber wer kann es ihm verdenken. Ist es nicht jedem von uns schon so ergangen? Haben wir nicht auch schon geheult wie ein Wolf, sind wir nicht auch schon rastlos mit Kribbeln im Bauch herumgelaufen und wussten nicht, wo wir uns lassen sollten, haben wir nicht auch schon das normale Essen eingestellt und uns auf Schokolade gestürzt, sind wir nicht auch schon über Rot gefahren, weil uns der Blick vernebelt war? Haben wir nicht auch schon gelitten wie ein Hund?  

Ob Mensch oder Hund… so verschieden sind wir gar nicht, wenn unsere Hormone vor Liebe verrückt spielen… 

Martina Müller

Leiden wie ein Hund…

Abgelegt unter: Tierisches, Alles, Tagebuch — Buchstabenwiese at 7:40 pm on Freitag, Februar 15, 2008

Leiden wie ein Hund 

Mein Hündchen weint. Pepper läuft hin und her und jammert mir die Ohren voll. Er tut mir ja leid, aber gleichzeitig geht er mir auch ganz schön auf die Nerven! Ich kann nur hoffen, dass die Phase bald vorbei ist. Und zwar bevor ich durchdrehe… 

Seine Freundin, eine süße Jack Russel Hündin, ist heiß! Geschmack hat er ja, sie ist wirklich eine Hübsche, dennoch… Seit zwei Wochen schnüffelt er noch intensiver als sonst. Mit Hingabe und der Gründlichkeit eines Buchhalters, leckt er einzelne Grasstellen ab, umrundet sie hektisch, damit ihm auch ja nichts entgeht… während er weiterleckt. Wenn ich auch nur ein winziges Stückchen vorwärts kommen will, muss ich ihn wegzerren. Dann gibt’s einen Ruck und ich werde zur nächsten Grasstelle gezerrt, wo ein Tröpfchen verheißungsvollen Duftes auf ihn wartet.  

Von Tag zu Tag hat es sich nun gesteigert, obwohl ich immer glaubte, jetzt könne es nicht mehr schlimmer werden. Doch es geht. Jeden Tag zieht er mich hinter sich her, weil er es eilig hat, jeden verdammten einzelnen winzigen Fleck zu erschnüffeln, den seine Angebetete offenbar nur für ihn zurückgelassen hat. Spazierengehen wird so zum Spazierenzerren und macht – zumindest mir – so gar keinen Spaß mehr.  

Heute ist der erste Tag, wo er ständig weint. So nervig das ist, so gibt es mir auch Hoffnung, dass das Ende naht. Ich warte nur noch darauf, dass er sich vor die Terrassentüre setzt, sein Schnäuzchen in den Himmel reckt und heult wie ein Wolf. Dann haben wir gemeinsam den Liebeskummer überstanden und eine normale Zeit des Spazierengehens kann wieder beginnen. Bis zum nächsten Mal, wo er leidet wie ein Hund. 

Martina Müller

Zum Valentinstag…

Abgelegt unter: Gluecksmomente, Alles, Lyrik — Buchstabenwiese at 10:44 am on Donnerstag, Februar 14, 2008

Du bist meine Welt 

Du bist die Sonne,
die ins Herz mir scheint.
Deine Strahlen,
bringen mich zum Schmelzen.

Du bist der Mond,
der mich magisch anzieht.
Dein sanftes Licht
bringt mich zum Träumen.

Du bist der Stern
in meiner Dunkelheit.
Dein Leuchten,
bringt mir die Hoffnung.

Du bist die Welt,
in der ich leben möchte.
Denn du
bist alles für mich.

Martina Müller

Geburtstagskuchen

Abgelegt unter: Sinnig Unsinniges, Alles, Lyrik — Buchstabenwiese at 8:53 pm on Mittwoch, Februar 13, 2008

Aus gegebenem Anlass ein älteres,
nicht ganz ernst zu nehmendes Gedicht:
(natürlich darf gratuliert werden… *grins*) 

Geburtstagskuchen 

Wenn der Kuchen vor Kerzen zusammenbricht,
bin ich weder da oben noch unten dicht,
sind die Gäste rar oder jünger als ich,
und sie finden mich schrullig und wunderlich. 

Und der Totengräber, ganz feierlich,
der macht schon mal den ersten Spatenstich… 

Martina Müller,  2006

Mathematik beim Bäcker - eins plus zwei gleich eins

Abgelegt unter: Glosse, Alles, Tagebuch — Buchstabenwiese at 11:35 pm on Montag, Februar 11, 2008

Mathematik beim Bäcker – eins plus zwei gleich eins 

Kann man mitten in einer Bäckerei voller Leckereien stehen und verhungern? Man kann! Zumindest in dieser Stadt: Ratingen.  

Sonntags besuchen wir üblicherweise meinen kranken Vater. Er liebt Kuchen und da man sich ja sonst nichts gönnt… wollten wir diesmal nicht nur für meinen Vater sondern auch für uns Kuchen besorgen. Ein Bäcker, der sonntags geöffnet hat, findet sich ja immer. So auch in Ratingen. Während mein Schatz also im Auto wartet, mache ich mich auf den Weg etwas Süßes zu organisieren.  

Just in dem Moment, als ich die Bäckerei betrete, scheint die halbe Stadt auf den Beinen zu sein und genau in diesem Augenblick gewisse Triebe zu verspüren. Natürlich. Ausgerechnet jetzt ist es proppevoll in dem kleinen Laden. Doch noch etwas scheinen die Menschen in der Bäckerei zu verspüren: Angst. Nackte Angst leer auszugehen. Auch ich spüre diese Angst tief in mir, fixiere verzweifelt ein einsames Marzipanhörnchen, in der Hoffnung, dass mein Blick es für andere unsichtbar macht. Wohlerzogen wie ich bin, stelle ich mich dennoch hinten an. Mindestens ein Mann und eine ältere Frau betreten nach mir die Bäckerei. Keine Ahnung wer und wie viele sonst noch nach mir dem Ruf nach Süßem gefolgt sind… Das Wissen an sich, hätte aber vermutlich auch keine Rolle gespielt.  

Der Laden leert sich nach und nach, ich warte und warte und warte und denke, irgendwann müsse ich nach meinen mathematischen Berechnungen auch mal dran sein… Fehlanzeige. Offensichtlich habe ich das System falsch verstanden. Es geht gar nicht der Reihe nach, es spielt gar keine Rolle, wo man steht und wann man gekommen ist. Einzig und allein die Stimme ist entscheidend. Und zwar wie kräftig sie ist. Wer seine Wünsche am lautesten äußern kann, ist dran. Okay, denke ich, nachdem letztlich nur noch drei Kunden im Laden stehen, ich eingerechnet… jetzt ist meine Stunde gekommen. Ich bin dran.

Meinen Berechnungen zufolge waren mindestens zwei Personen nach mir gekommen. Und eins plus zwei macht drei. Wir sind drei. Das kann nur eins bedeuten: Ich bin wirklich und wahrhaftig an der Reihe! Doch mathematische Berechnungen scheinen in einer Bäckerei keinen Platz zu haben… Der eine Mann rechts von mir wird bereits bedient, äh, war der nicht nach mir gekommen (?), als die Frage von der zweiten Verkäuferin kommt: „Wer ist jetzt dran?“ Jetzt oder nie, denke ich mir! Wenn eins plus zwei nicht drei ist, dann vielleicht zwei. Tapfer melde ich mich zu Wort, entschlossen mein Recht einzufordern, entschlossen der Mathematik gerecht zu werden… da faucht es links von der Seite: „Ich war ja wohl eindeutig vor Ihnen dran!“

Mein Blick fällt auf einen alten B… äh, eine ältere Frau! Und zwar auf jene, die eindeutig nach mir den Laden betreten hat. Die Verkäuferin zuckt nur mit den Schultern und meint, es würden alle dran kommen… Super! Vielen Dank auch. Innerlich kochend, übe ich mich in vornehmer Zurückhaltung, stelle aber klar, dass ich durchaus registriert habe, dass dieser… dieser… diese… ältere Frau sich vorgepfuscht hat: „Ich war definitiv nicht die Letzte, die gekommen ist, das weiß ich wohl! Aber bedienen sie ruhig die „Dame“, ICH habe Zeit.“

Mit Wonne registriere ich, dass die Vorpfuscherin puterrot anläuft und es nicht mehr wagt mich anzusehen. Ich hingegen lasse es mir nicht nehmen, sie abschätzend von der Seite zu betrachten, während sie ihre Wünsche preisgibt. Meine Laune bessert sich zusehends, als ich sehe, dass ihre Gesichtsfarbe immer leuchtender wird, und dass sie mein Marzipanhörnchen keines Blickes würdigt.  

Und wenn ich recht bedenke, auf die fünf Minuten kam es nun wirklich nicht mehr an. Immerhin konnte sich jetzt keiner mehr vorpfuschen, ich war allein mit den Verkäuferinnen und konnte nun in aller Ruhe aussuchen, was ich wollte. Ganz ohne Hektik.

Fast beschwingt kehre ich also zum Auto zurück, wo mein Schatz mich sehnsüchtig erwartet: „Ich dachte schon du wärst verschollen. Alle die nach dir gekommen sind, sind schon lange wieder draußen…“
„Ja, ist ja auch unverschämt, da war doch so ein blöder B… vorpfuschen… kam nicht zu Wort… alle unhöflich hier… unverschämt… ein Durcheinander…“
Was soll ich sagen, als wir bei meinem Vater in der Klinik ankamen, war mein Schatz auf dem neusten Stand in Bezug auf Umgangsformen und Bäckereifachberechnungen…

Martina Müller

Nächste Seite »