Ein perfekter Tag
„Ein perfekter Tag“, lautet das Thema. Stille. Kaum hören meine Synapsen das Wörtchen perfekt, herrscht Leere in meinem Kopf. Ein perfekter Tag - eine unlösbare Aufgabe für mich. Wie sieht so ein Tag aus? Ich weiß keine Antwort. Es erinnert mich an das Picknickbild, eine Aufgabe der Schule des Schreibens. Das Bild war reinste Harmonie, Perfektion in Vollendung. Eine Qual. Drei ganze Monate dauerte dieses Picknick für mich. So viel Zeit habe ich nicht. Vielleicht sollte ich lieber über einen schrecklichen Tag schreiben. Ja, das wird es sein. Denn irgendwas muss ich schreiben, ich kann unmöglich ohne Text zum Stammtisch kommen. Nicht ich, auf gar keinen Fall.
Ich schildere meinem Schatz das Problem. Er sieht mich an, als sei ich von einem anderen Stern: „Wie, du weißt nicht, wie ein perfekter Tag für dich aussehen würde.“
„Äh, nein, mir fällt da absolut nichts ein.”
Er sieht mich an und sagt eine ganze Weile nichts.
„Was ist? Warum siehst du mich so an?“
„Du weißt wirklich nicht, wie ein perfekter Tag aussehen könnte?“
Ich schüttle mit dem Kopf.
„Das ist aber schade.“
Jetzt ist es an mir ihn anzusehen, als sei er von einem anderen Stern: „Weißt du etwa wie ein perfekter Tag für dich aussehen würde?“
“Ja.”
Okay, jetzt bin ich neugierig: „Erzähl.“
Und tatsächlich, er fängt an:
„Ich stelle mir vor, ich wache neben dir auf und weiß genau es ist kein Traum. Du liegst neben mir im Bett und schläfst. Und Pepper liegt ebenfalls im Bett. Ich könnte jetzt sagen, er läge im Körbchen, welches auf dem Boden steht, doch ich weiß genau, er läge im Bett. Ich sehe mich im Raum um und stelle fest, ich bin in einer Blockhütte. Im Kamin liegt noch Glut vom Tag zuvor. Es gibt kein Telefon und keinen Fernseher in der Hütte. Ich sehe durchs Fenster. Es sind einfache Fenster, keine Doppelverglasung. Eisblumen zieren die Scheibe. Ein eigenartiges Licht ist draußen. Ich mache die Türe auf und sehe Schnee. Wir sind in den Bergen und es hat die Nacht über geschneit. Ich mache Frühstück und weil ich so herumpoltere wirst du wach. Und Pepper auch. Dann öffnest auch du die Türe und siehst den Schnee. Schon ist klar, dass wir nach dem Frühstück im Schnee spazieren gehen. Ein Wald ist in der Nähe, so wie du es liebst. Und nach dem Spaziergang essen wir zu Mittag und ruhen uns ein wenig aus. Nachmittags gehen wir wieder im Schnee spazieren. Danach legen wir uns gemeinsam vor den warmen Kamin und lassen den Tag ausklingen.“
Wow, ich sehe meinen Schatz an, als würde ich ihn das erste Mal sehen. Wer ist jetzt der kreative Kopf bei uns? Wieso fällt ihm so etwas ein, was sich anhört, als sei es mein Traum? Ich habe diese Hütte gesehen, ich habe den Kamin gesehen, ich habe uns gesehen. Das einzige was fehlte war ein Schneemann. Und der darf bei einem perfekten Tag im Schnee auf gar keinen Fall fehlen. Da bestehe ich drauf. Ich habe nämlich eine Schwäche für Schneemänner mit dicken Bäuchen. Ansonsten war es perfekt. Wie kann er einen so perfekten Tag beschreiben, der meiner sein könnte. Ich dachte sein perfekter Tag würde anders aussehen. Völlig anders als meiner. Kein Schnee, keine Berge, sondern Sonne, Strand und Meer. Und doch beschreibt er etwas so Wundervolles.
Vielleicht war der heutige Tag kein perfekter Tag, aber dies war definitiv ein perfekter Augenblick. Und das ist doch schon mal ein Anfang.
Martina Müller