Ruhe nach dem Sturm
Die Ruhe nach dem Sturm
Pepper und ich haben unsere Spaziergeh-Runde fast beendet. Heute ist es nicht so warm, aber ein wenig drückend, wie ich finde. Pepper scheint es egal zu sein. Er schnuppert unbeeindruckt jeden einzelnen Grashalm ab, ständig auf der Suche nach einer interessanten Duftmarke. Ist sie gefunden, wird der duftende Halm hektisch umrundet und angestrullert. Ich bin froh, kein Grashalm zu sein.
Plötzlich bemerke ich eine Veränderung im Tageslicht, reiße mich von dem äußerst wichtigen und interessanten Ritual des Markierens ab und werfe einen Blick in den Himmel. Ich beschließe, dass nicht jeder Grashalm eine warme Dusche braucht und lege einen Schritt zu. Heute Vormittag wirkte der wolkenlose Himmel schon ein wenig „verschleiert“, so als hätte man ihn in Milch getaucht. Jetzt aber scheint er sich mit Ruß vermischt zu haben, in der Ferne schimmert es bedrohlich düster. Auf gar keinen Fall will ich hier draußen sein, wenn das hier ankommt.
Ein leises Grummeln aus der Ferne bestärkt mich in meinem Vorhaben. So ziehe ich Pepper gnadenlos von einem offensichtlich besonders gut duftenden Halm weg und marschiere schnurstracks nach Hause.
Kaum sitze ich in meinem Büro am Computer, wird es Nacht. Unruhe überfällt mich. Das Licht im Flur flackert. Für einen Moment ist es still, dann bricht die Hölle los. Es blitzt, grollt, kracht und knallt. Ausgerechnet jetzt fällt mir dieser Bericht ein, in dem Menschen in einer Schutzhütte vom Blitz getroffen worden waren. Seit ich diesen Bericht im Fernsehen verfolgt habe, fühle ich mich nicht mal mehr im Haus sicher vor einem Gewitter und schon gar nicht in der ersten Etage, fast unterm Dach. Fest steht, ich muss runter ins Wohnzimmer. Schließlich weiß ja jedes Kind, dass der Blitz immer an der höchsten Stelle einschlägt. “Krawumm.” Ich zucke zusammen. Ich muss sofort die Fenster schließen, den PC herunterfahren und den Stecker rausziehen… halt, nicht so schnell! Ich sehe mich schon am Fensterhebel kleben, wo ich zuckend mein Leben beende. Ich warte lieber den nächsten Blitz ab. Jetzt! Unter Einsatz meines Lebens schnelle ich vor, ergreife den Hebel und verriegle das Fenster. “KRAAAWUMMMMM!” Instinktiv springe ich in die Hocke und kauere mich vorschriftsmäßig am Boden zusammen. Mein Hündchen, das bis jetzt auf seiner Decke im Büro geschlummert hat, guckt mich verstört an.
„Pepper, hier oben ist es zu gefährlich. Wir müssen schnell nach unten“, erkläre ich mehr mir als ihm und werde hektisch. Mein kluges Hündchen scheint zu verstehen und folgt mir nun überall hin: Ins Bad, ins Schlafzimmer, unter den Schreibtisch zum Stromabschalten und schließlich ins Erdgeschoß. Gerettet! Noch schnell den Fernseher ausstecken, den Kaffeeautomaten ausschalten, fertig.
Es blitzt und kracht noch immer ununterbrochen. Zusätzlich fegt nun ein Orkan durch die Bäume, während Wassermassen vom Himmel stürzen. Auf unserem Dach scheint sogar neuerdings ein Wasserfall zu entspringen und direkt vor unserer Terrassentüre in die Tiefe zu stürzen.
Pepper und ich kuscheln uns im Dunkeln auf der Couch aneinander und warten ab. Ganz still lassen wir das Ganze über uns ergehen.
Auf einmal wird es heller und aus dem Krachen und Knallen wird ein Grummeln und Brummeln. Endlich, das Gewitter zieht ab. Ich lausche noch eine Weile dem Gewittergrummeln hinterher und höre ein entferntes Tatütata. Dann wird es ruhig, da draußen. Es ist nass, aber still. Und Pepper? Ihn hat das Gewitter offensichtlich nicht beeindruckt. Eingerollt liegt er an mich gekuschelt und schläft.
Die Wanduhr tickt, eine seltsame Stille ist das plötzlich. Aber irgendwie auch himmlisch, diese Ruhe nach dem Sturm.
20. Juli 2007 Martina Müller