Mörderische Hitze
Die Leuchtziffern meines Radioweckers zeigten null Uhr zweiundvierzig, ich konnte einfach nicht einschlafen. Ich knipste das Nachttischlämpchen wieder an, nahm meinen Krimi vom Nachttisch und las an der Stelle weiter, wo ich vor einer halben Stunde aufgehört hatte. Wenn das so weiterging, schaffte ich es locker das Buch heute Nacht zu Ende zu lesen. Ich zuckte zusammen. Ein Geräusch. Erschrocken starrte ich zum Fenster hinüber. Es war Sommer, das Fenster stand sperrangelweit auf, mein Mann war auf Geschäftsreise und ich war allein im Haus…
Ich blieb reglos liegen, hielt den Atem an und lauschte. Und lauschte. Und lauschte. Nichts. Nur mein Herz klopfte so laut, dass es in meinen Ohren dröhnte. Ganz ruhig Bille. Schließlich befindest du dich im ersten Stock. Da klettert man nicht mal so eben rein. Trotzdem, ich war sicher, etwas gehört zu haben. Vielleicht sollte ich nicht so viele Krimis lesen. Ich fächelte mir mit dem Buch ein wenig Luft zu. Bei dieser Hitze konnte man aber auch verrückt werden. Die Bettdecke klebte an meiner Haut und das nasse Handtuch, das ich um meine Füße geschlungen hatte, hatte nur für einen Moment Erleichterung gebracht. Meine Sohlen brannten. Das war ja nicht auszuhalten. Ich legte das Buch zur Seite, strampelte den klammen Frotteestoff von meinen Füßen und stand auf. Ich ging zum Fenster. Alles war still. Kein Lüftchen regte sich. Außerdem war Vollmond. Na prima, wie sollte ein Mensch da schlafen können.
Ich blieb eine Weile am Fenster stehen und ließ meine Blicke über Nachbars Garten schweifen. Ich musste lächeln, selbst nachts standen die Liegestühle der Boisenbergs so dicht nebeneinander, dass sich die Armlehnen berührten. Stets standen sie an derselben Stelle. Im Sommer verbrachte das Rentnerehepaar den ganzen Tag in diesen Stühlen und brutzelte in der Sonne. Wie die das nur aushielten. Ich wäre längst geschmolzen, trotz Sonnenschirm. Auch ihr Rasen – kurz und saftig grün – schien mehr auszuhalten als der unsere, der notorisch zu lang war und mehr gelb als grün schimmerte.
„Gähn.“ Morgen musste ich früh aufstehen und ich hatte noch kein Auge zugetan. Rekordtemperaturen hatten sie im Fernsehen gesagt. Man, da hätte ich auch drauf verzichten können. Nicht mal der Hauch einer kühlen Brise war zu spüren. Dann konnte ich genauso gut das Fenster auf Kipp machen, war sowieso viel sicherer. Ich griff zum Fensterhebel und… was war das? Ein Schatten huschte durch den Boisenbergschen Garten. Ich lief zu meinem Nachttisch, knipste das Licht aus und eilte zurück zum Fenster. Eine Gestalt schlich über den Rasen und schien so etwas wie einen Sack zu schleppen. Wer war das denn? Ich lehnte mich ein Stück vor und… ausgerechnet jetzt schob sich eine dicke Wolke vor den Mond. Ich konzentrierte mich auf die Dunkelheit… Flüsterte da nicht jemand? Und schlich da nicht auch einer um das Haus der Boisenbergs herum? Doch dann war auf einmal wieder alles still. Wenn ich nur mehr sehen könnte. Man Wolke, verzieh dich endlich. Da, ein Lichtschein hüpfte auf und ab. Eine Taschenlampe! Da ging doch was nicht mit rechten Dingen zu. Einbrecher? Eindeutig. Man las und hörte ja so viel davon. Was, wenn die eine Waffe hatten und die Boisenbergs umbringen würden. Mein Handy, ich musste die Polizei anrufen.
Ich huschte im Dunkeln durch das Schlafzimmer. Autsch…verdammt… diese blöde Bettkante! Ich hüpfte zum Nachtschränkchen und tastete nach meinem Handy. Hier irgendwo musste es liegen. Nichts. Es war nicht da. Aber es musste da sein. Es lag immer da. Ach nein, es konnte gar nicht da liegen. Ich hatte gestern Abend vergessen, es aus meiner Tasche herauszunehmen. Und besagte Tasche hing unten am Haken. Mist! Was, wenn die Einbrecher schon bei den Boisenbergs im Schlafzimmer standen. In meinem Krimi hatte der Mörder eine junge Frau im Schlaf erstochen. Sie hatte das Fenster in einer warmen Sommernacht offen gelassen… Wie leichtsinnig. Das Fenster, ich musste es unbedingt zumachen, bevor ich mein Handy holte.
„AU…“ Ein Schrei… oh Gott, ich war zu spät… Der Mörder hatte bereits zugestochen.
„Waltraud, hast du dir wehgetan?“ zischte eine besorgte Stimme.
Waltraud? Hieß Frau Boisenberg nicht Waltraud? Und war das nicht die Stimme von Herrn Boisenberg? Sie lebten also noch. Ich rannte zum Fenster und sah nichts. Dann noch ein Flüstern und Stille. Was war nun wieder los? Waren sie jetzt tot? Ich starrte ins Dunkel. Und endlich gab die Wolke den Mond wieder frei.
Mein Blick fiel als erstes auf die Liegestühle. Sie standen noch immer dicht beieinander, aber jetzt waren sie nicht mehr leer… Mit dicken Kissen unter den Köpfen lagen die Boisenbergs in ihren Liegestühlen und hielten Händchen. Offensichtlich hatten sie beschlossen, die heiße Sommernacht draußen zu verbringen. Ich schüttelte den Kopf und schloss entschieden das Fenster. Man konnte ja nie wissen. Ich knipste das Lämpchen wieder an, tauchte das Handtuch noch mal in kaltes Wasser, legte mich damit ins Bett und wickelte es um meine brennenden Fußsohlen. „Zisch.“ Ach, tat das gut. Ich schielte auf den Krimi, den ich vorhin so hastig beiseite gelegt hatte: „Mörderische Hitze“. Welch passender Titel. Ich lächelte, nahm das Buch in die Hand und las da weiter, wo ich aufgehört hatte.
© Martina Müller / 2007