Sein oder Nichtsein

Abgelegt unter: Glosse, Gedankensplitter, Alles, Tagebuch — Buchstabenwiese at 8:49 pm on Samstag, November 25, 2006

Sein oder Nichtsein

„Wenn die Menschheit plötzlich weg wäre…“ So lautet die Überschrift eines Artikels, der am 07.11.2006 in AOL unter der Rubrik Leben & Leute erschienen ist. Der Verfasser dieses Artikels spielte das Spielchen „Was wäre wenn…“? Wie lange würde es dauern bis die Natur sich von den Menschen erholt hätte?
Nun frage ich mich: Sind wir Menschen wirklich nur eine lästige Krankheit, üble Schmarotzer, Parasiten der schlimmsten Sorte?

Ich fühle mich angegriffen. Ich bin ein Homo Sapiens, gehöre eindeutig zur Gattung Mensch, falle unter dem Gesamtbegriff Menschheit und will weder zu einem anderen Planeten gebeamt noch von einem heimtückischen Virus dahingerafft werden. Ich will hier bleiben, auf dem wundervollsten Planeten, den es gibt. Ich fühle mich nicht als böser elender Schmarotzer, der nur ein Ziel hat: Die gute alte Erde zu zerstören…

Allein der Mensch bringt es wohl fertig, sich selbst – wenn auch nur gedanklich – zum Wohl der Natur und Umwelt auszurotten.
Tiere fragen nicht, ob ihre Existenz gut für Natur und Umwelt ist. Sie existieren. Punkt. Wen es stört, der kann ja zum Mond fliegen.

Oder hat Sie schon mal eine Spinne gefragt, ob es Sie stört, wenn sie sich direkt über Ihrem Bett abseilt? Nein, die Spinne tut es einfach. Nachdem sie auf ihren acht behaarten Ekelbeinen unbemerkt ins Haus gekrabbelt ist, ohne anzuklingeln.

Auch die gemeine Wespe fragt nicht, ob sie unseren Frieden stört, wenn sie uns hektisch ins Gesicht summt und uns mit ihrem fiesen Stachel bedroht. Nein, skrupellos sticht sie uns - ganz nach Lust und Laune - feige in den Rücken. Obendrein scheint sie zu glauben, wir seien verpflichtet, unsere Lebensmittel mit ihr zu teilen, oder warum macht sie sich sonst ungefragt über unseren Kuchen her? Aber vergreifen Sie sich mal an ihrem Nest…

Und die Ochsenfrösche erst. Die quaken bzw. brüllen darauf, was Andere von ihrer Gefräßigkeit und Vermehrungsfreudigkeit halten. Es schert sie nicht die Bohne, wenn andere Tierarten dabei draufgehen.

Aber würden wir Menschen diese Tiere auch nur gedanklich komplett ausrotten wollen? Nein, natürlich nicht. Im Gegenteil. Jede Tierart, die auf ein Minimum zusammenschrumpft, wird von uns geschützt. Ungeachtet dessen, ob sie friedlich ist oder nicht. Der Mensch fühlt sich schuldig. Er wird quasi mit Schuldgefühlen geboren.
Dabei haben die guten alten Dinosaurier es eigenartigerweise ganz ohne unsere Hilfe geschafft auszusterben*! Trotzdem gibt es Leute, die würden sie am Liebsten wieder zum Leben erwecken. Also ich für meinen Teil, kann gut darauf verzichten, auf dem Speiseplan der tödlichen Fressmaschine Tyrannosaurus rex zu landen.

Natürlich trägt der Mensch auch die Schuld an der Klimaveränderung. Wir Menschen sind es schließlich, die Autofahren, statt den ganzen Tag wie Faultiere am Baum herumzuhängen.
Wir Menschen sind es auch, die Sprays benutzen, damit wir nicht wie die Paviane stinken**.
Und doch… In den 4,6 Milliarden Jahren, in denen unsere Erde vermutlich existiert, hat sich das Klima – wenn auch nicht so rasant wie heute - erstaunlicherweise laufend verändert. Und das, obwohl es uns Menschen im Vergleich zu 4,6 Milliarden Jahren noch gar nicht allzu lange gibt.

Natürlich lässt es sich nicht leugnen: Wir Menschen beeinflussen das Geschehen auf der Erde erheblich - immerhin leben wir hier***. Und natürlich hat die Menschheit nicht nur Gutes vollbracht - wir sind eben nur Menschen. Aber haben wir deshalb kein Recht hier zu sein? Wir sind doch ein Teil der Natur, der Umwelt, der Erde, des Weltalls. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Haben wir nicht das Recht Spuren zu hinterlassen, und können wir wirklich beurteilen, was gut und was schlecht ist? Kommt es nicht immer auf die Sichtweise an? Nicht nur die Kopfläuse würden ihre Nahrungsquelle verlieren, wenn es uns Menschen nicht mehr gäbe. Ob die das wohl gut fänden?
Einstein würde sicher sagen: Gut ist relativ.

Vermutlich werden wir sowieso irgendwann aussterben. Doch die Erde wird weiterexistieren und andere, veränderte Lebewesen beherbergen, für die der Mensch nicht mehr als ein ausgestorbener Dinosaurier sein wird, der irgendwann mal existiert hat. Und vermutlich sind wir auf der Erde - in der Unendlichkeit des Universums - nicht größer, als eine Bakterie es für uns ist – ohne Mikroskop versteht sich.

Und trotzdem gehören wir Menschen dazu - als winziger Teil einer grenzenlosen Gesamtheit.

11.11.2006   Martina Müller


* Die Möglichkeit von Zeitreisen wurde hierbei nicht berücksichtigt…
** Gelegentlich soll es aufgrund von Nichtbenutzung der genannten Sprays zu Verwechslungen mit Pavianen gekommen sein…
*** Die Verfasserin dieses Textes möchte sich ausdrücklich dafür entschuldigen, dass der Mensch an sich existiert, weist aber jegliche Verantwortung von sich …
© Martina Müller / 2006 

 

Greife nach den Sternen…

Abgelegt unter: Alles, Schlaue Sprüche, Allgemein — Buchstabenwiese at 10:21 pm on Dienstag, November 14, 2006

“Greife nach den Sternen, du wirst sie vielleicht nicht erreichen, aber du wirst auch nicht auf dem Boden kriechen.”

Janet Holmes

Blätter im Herbst

Abgelegt unter: Gedankensplitter, Alles, Tagebuch, Allgemein — Buchstabenwiese at 5:35 pm on Montag, November 13, 2006

Blätter im Herbst

Neben den wunderschönen goldenen Herbsttagen, gibt es auch jene, die trostlos daherkommen. So wie heute. Der Himmel ist farblos; getaucht in ein Weißgrau ohne Hoffnung. Gelbe und braune Blätter, getränkt von Himmelstränen, liegen schwer am Boden. Einige Blätter trotzen noch den Windstößen, halten sich kämpferisch an den Zweigen der Bäume fest. Nur ihre gelbbraune Farbe offenbart, dass die Stunde des Herabfallens näher rückt. Keiner weiß genau, wann das sein wird. Doch der Winter naht. Unaufhaltsam. Und die Blätter werden fallen. Schnee wird sie liebevoll zudecken. Sie werden verwittern, bis nichts mehr daran erinnert, dass sie einst existiert haben. Und doch werden sie nicht sinnlos im Nichts verschwinden. Denn jedes einzelne Blatt wird eins mit der Erde sein, wird den Boden anreichern, den Bäumen Kraft geben, neue Blätter hervorzubringen. Und so in ihnen weiterleben.

© Martina Müller / 2006

Bärchen in Lack und Leder

Abgelegt unter: Alles, Geschichten, Tagebuch — Buchstabenwiese at 9:54 pm on Freitag, November 10, 2006

Bärchen in Lack und Leder

„Was machst du beruflich?“
„Pling!“ „Skywalkers“ Antwort. Gespannt starrte ich auf den Bildschirm.
„Ich bin Geschäftsführer in einem Fetisch-Laden…“

Meine Augen wurden tellergroß.
„Skywalker“ machte einen netten und eher lieben Eindruck. Er und Fetisch? Eigenartig. Aber das fehlte noch, dass er mich für kleinbürgerlich und intolerant hielt! Mich, eine gestandene Frau von vierunddreißig.
„Na und?“, schrieb ich forsch zurück.
Fetisch… Was genau war das überhaupt?
Ein paar Minuten später wusste ich mehr: Fetisch hatte nichts mit den üblichen „Wolldecken-Erotik-Shops“ zu tun.
Wolldecken? Häh? Was hatten Wolldecken mit Erotik-Shops zu tun? Ehrlich gesagt, ich hatte keine Ahnung wovon er sprach. Bisher hatte ich mich nicht mal getraut einen Erotik-Shop auch nur näher zu betrachten, geschweige denn ihn zu betreten.
In seinem Laden gäbe es unter anderem Dessous in Lack und Leder.
Na ja. An Dessous gab es nichts auszusetzen, aber Lack und Leder? Ob das nicht zu hart war? Nun, ich musste sie ja nicht tragen. Warum also sollte ich mich nicht mit dem Geschäftsführer eines Dessousladens treffen?
Wir verblieben so, dass ich einfach mal in seinen Laden kommen könnte, wenn ich Lust hätte. Also Lust nicht in dem Sinne! So eben. Dann könnten wir uns bei einer Tasse Kaffee kennenlernen.

Mir gefiel „Skywalker“ irgendwie und er macht mich neugierig. Sollte ich oder sollte ich nicht? Es kribbelte in meinem Bauch.
Zwei Tage später, setzte ich mich ins Auto und fuhr los.
In der Nähe des Fetisch-Ladens – ca. 300 m entfernt! – parkte ich. Mist! Ausgerechnet jetzt musste es anfangen zu regnen. Egal, ich wollte mir endlich diesen „Erotik-Dessous-Laden ohne Wolldecke“ ansehen. Umdrehen konnte ich immer noch. „Skywalker“ wusste ja nicht, dass ich komme. Also holte ich einen Schirm aus dem Kofferraum. Und plötzlich war ich froh, dass es regnete. Unter dem Schirm, fühlte ich mich ein wenig geborgener.
 
Ich schlenderte los. Schaute hier ins Schaufenster, schaute dort in die Auslagen, bis ich rein zufällig vor dem Fetisch-Laden stand. Lack und Leder. Schluck. Sollte ich da wirklich reingehen?
Vielleicht ist Mittagspause. Wie blöd würde das aussehen, wenn ich an der geschlossenen Türe, eines solchen Ladens rüttelte?
Vielleicht aber war er da drinnen und beobachtete mich. Wie peinlich! Immerhin wusste er wie groß ich war, welche Haar- und Augenfarbe ich hatte… Ich zog den Schirm tiefer vors Gesicht und schlenderte unauffällig weiter zu dem Schmuckgeschäft neben dem Fetisch-Laden. Ich war wirklich interessiert an dem Schmuck! Doch wirklich. Meine Gehirnzellen liefen auf Hochtouren.
Was sollte ich tun? An der Türe rütteln oder nicht? Was wenn sie doch offen war? Wie ich es auch drehte und wendete, ich würde mich blamieren. War die Türe zu, machte ich mich lächerlich, war sie offen, stand ich mitten in Lack und Leder. Und wenn ich einmal drin war, konnte ich ja nicht einfach wieder rausgehen. Was, wenn ich die einzige „Kundin“ wäre und man sich gleich auf mich stürzte? Was sollte ich dann sagen?
Ich vertiefte mich erneut in die Schmuckauslage.
 
Autotüren wurden zugeschlagen. Ich blickte auf und sah ein Pärchen, dass direkt auf den Fetisch-Laden zusteuerte. Wollten die da wirklich hinein? Ich grübelte. Ich könnte mit dem Pärchen gemeinsam hineingehen. So würde mir das Rütteln an der Türe erspart bleiben. Und für den Fall, dass offen war, würde sich der Verkäufer zuerst auf das Paar stürzen, während ich mich ungestört umsehen konnte. Der Plan gefiel mir. Gebannt starrte ich die Beiden an. Tatsächlich! Sie wollten in „meinen“ Fetisch-Laden. Das war die Chance. Jetzt oder nie! Ich klappte den Schirm zusammen und schlüpfte fast unbemerkt mit hinein.

Ich hielt den Atem an und klammerte mich am Schirm fest. Da, der Mann in Schwarz hinter der Verkaufstheke, das musste „Skywalker“ sein. Er passte perfekt auf die Beschreibung. Er wirkte kleiner, als ich angenommen hatte und ein wenig beleibter. Oh, er war nicht dick! Aber auch nicht schlank. Er sah eigentlich genauso aus, wie er sich beschrieben hatte. Und doch hatte ich ihn mir anders vorgestellt.
Jetzt sah er mich an. Ich lächelte nur stumm und schüchtern. Seine Augen nahmen einen ungläubigen Ausdruck an: „Engelchen?“
Na immerhin blieben mir stotternde Erklärungen erspart. Und er schien sich zu freuen. Ich nickte. Nervös bat er mich, einen Augenblick zu warten, dann hätte er Zeit, mit mir ins Café zu gehen.

Café? Ja, das war gut! Ich nickte erneut, stützte mich auf meinen Schirm und wartete. Vorsichtig ließ ich meine Blicke ein wenig schweifen. Das Schaufenster war mit erotischen Dessous in Lack und Leder dekoriert. Schwarze Masken starrten mich lüstern an. Ich drehte mich um. Dildos und Vibratoren reckten sich kraftvoll in die Höhe. Sexfilme, Peitschen und merkwürdige Gegenstände, die ich nicht einordnen konnte bohrten sich in meine Phantasie…
Meine Wangen brannten. Im Laden war es ziemlich heiß, aber nichts auf der Welt hätte mich dazu gebracht, mir hier die Jacke auszuziehen. Schließlich suchte ich etwas Neutrales, worauf ich meine Blicke heften könnte. Mein Schirm! Mein Lebensretter! Interessiert fixierte ich eins der vielen Bärchen, die sich auf dem Stoff tummelten. Bärchen? Mist! Warum hatte ich nicht den anderen Schirm genommen? Wie peinlich war das denn? Ein Blind Date mit einem Bärchenschirm in einem Fetisch-Laden! Entsetzt blickte ich hoch.
Ein junger gut aussehender Mann grinste mich unverschämt an.
„Das ist mein Cousin, er bleibt solange hier“, klärte mich „Skywalker“ auf, während er seine Jacke schnappte.
Ich deutete mit hochrotem Kopf ein Nicken an und lächelte gequält.
Ich kam mir reichlich deplatziert vor, mit meinem Bärchenschirm und war heilfroh, als „Skywalker“ mich endlich von diesem Ort wegbrachte.

Was soll ich sagen? Es blieb bei diesem einen Treffen mit „Skywalker“. Irgendwie hatten wir uns nichts zu sagen. Stattdessen hielten wir mit hochrotem Kopf krampfhaft unsere Kaffeetassen fest und starrten Löcher in die Luft. Der Geschäftsführer des Fetisch-Ladens war tatsächlich noch schüchterner, als ich es war! Oder ob es an meinem Schirm lag? Was auch immer, eins steht jedenfalls fest: Bärchen und Fetisch – das passte nun wirklich nicht!

© Martina Müller 2006