Der Zeitdieb
Der Zeitdieb
Ein Interview mit Baron von und zu Sommerwinter
“Herr Baron von und zu Sommerwinter, was hat Sie dazu veranlasst, uns die Zeit zu stehlen?”
“Nun ja, zunächst muss ich da etwas richtig stellen, Herr… äh…”
“Rastlos. Rudi Rastlos. Von der Rapid Express.”
“Herr Rastlos - soviel Zeit muss sein: Ich habe nicht die komplette Zeit gestohlen! Es handelt sich hier lediglich um eine klitzekleine Stunde.”
“Pro Person! Das summiert sich ganz schön.”
“Nun ja, die Menschen machen viel Tamtam um die Zeit.”
“Zeit ist heutzutage ein knappes Gut.”
“Nun ja, alle beschweren sich, dass sie keine Zeit haben. Und wenn sie mal Zeit haben, wissen sie nichts damit anzufangen. Sie lassen sie verstreichen und warten auf bessere Zeiten. Die meisten Menschen rasen auf das Morgen zu und wenn sie da sind, merken sie es nicht. Ja, es scheint Ihnen nicht mal zu gefallen. Denn kaum sind sie da, können sie es nicht abwarten erneut mit großen Schritten der Zukunft entgegen zu hetzen. Und am Ende ihres Lebens fragen sie weinerlich: Wo ist all die Zeit geblieben? Ich bitte Sie, eigentlich habe ich der Bevölkerung einen Gefallen getan: Sie war eine ganze Stunde schneller in der Zukunft.”
“Und trotzdem haben Sie unrecht getan!”
“Kennen Sie ein Gesetz, das verbietet Zeit zu stehlen?”
“Herr Baron von und zu Sommerwinter, was genau, wollten Sie eigentlich mit der gestohlenen Zeit anfangen?”
“Retten, wollte ich sie. Retten, bevor sie totgeschlagen wird. Ich dachte, ich könnte sie lieber sinnvoll für mich nutzen.”
“Wieso dann der plötzliche Sinneswandel? Warum haben Sie die Stunde jetzt zurückgegeben?”
“Ich habe festgestellt, dass ich sie nicht brauche.”
“Jeder braucht Zeit.”
“Nein, Herr Rastlos! Jeder hat Zeit. Und zwar genau 24 Stunden pro Tag. Ein kostbares Geschenk. Wenn man es zu schätzen weiß…”
© Martina Müller 2006