Mein heutiges Ziel liegt ca. 100 km von meinem derzeitigen Wohnort entfernt: Das städtische Klinikum in Duisburg, Abteilung Frührehabilitation.
Es ist Mittagszeit. Draußen ist es warm und sonnig, doch hier drinnen ist es trostlos und kalt. Auf dem Gang, gegenüber dem Schwesternhäuschen, sitzt ein alter Mann im Rollstuhl. Neben ihm sitzt eine Frau, ebenfalls im Rollstuhl. Keiner spricht ein Wort. Sie stehen da, als hätte sie jemand einfach so abgestellt. Und obwohl reges Treiben auf dem Gang herrscht, scheint sich keiner der Beiden dafür zu interessieren. Sie wirken teilnahmslos. Ohne Interesse an der Umwelt. Ihre Augen sind leer, ihre Glieder bewegungslos. Sie wirken, als sei das Leben aus ihren Körpern gewichen. Ich frage mich, ob sie Angst haben, ob sie traurig sind. Langweilen sie sich? Fühlen sie sich alleingelassen? Einsam?
Ich gehe auf die beiden zu. Der Mann kommt mir bekannt vor und gleichzeitig ist er mir fremd. Jetzt schaut er mich an. Ich glaube ein kurzes Aufflackern in seinen Augen zu bemerken. So als freute er sich, mich zu sehen. Ist es wirklich mein Vater, der da sitzt?
Ich begrüße ihn. Sein linker Mundwinkel hängt herunter und Speichel läuft heraus. Seine Lippen sind trocken und speichelverkrustet. Doch trinken darf er nicht. Er kann nicht schlucken und hat deshalb eine Magensonde. Er gähnt und gibt dabei einen Blick auf seine Zunge frei. Die Zunge sieht merkwürdig verkrümmt aus. Sie wirkt wie ein Fremdkörper im Mund.
Die linke Schulter hängt ebenfalls herunter und der dazugehörige Arm liegt nutzlos auf eine Art Tablett, welches am Rollstuhl befestigt ist.
Sabber läuft am Kinn meines Vaters herunter. Ich verspüre den Drang, ihm den Mund abzuwischen. Doch ich ekle mich. Ich ekle mich vor meinem Vater! Schuldgefühle keimen auf. Entschlossen drücke ich ihm ein Tempo in die rechte, noch funktionierende Hand und fordere ihn liebevoll auf, sich den Mund abzuwischen. Schon besser.
Heute will nicht so richtig Nähe zu meinem Vater aufkommen, er ist mir plötzlich fremd. Er spricht heute kaum, er lächelt heute nicht und seine Augen sind ohne Leben. Ich fühle mich überflüssig und fehl am Platz. Am liebsten würde ich flüchten, gleichzeitig fühle ich mich verpflichtet dazubleiben. Ich bin froh, als ich eine Schwester holen soll, die ihn wieder ins Bett bringt. Endlich was tun können. Er ist erschöpft. Müde vom Sitzen. Zwei Schwestern hieven ihn ins Bett. Sie müssen ganz schön ackern, um diesen schweren bewegungslosen Körper vom Rollstuhl ins Bett zu befördern. Dankbarkeit durchflutet mich, dass sie sich so um meinen Vater kümmern. Tränen sammeln sich in meinen Augen. In Gedanken leiste ich Abbitte, weil ich vor ein paar Tagen über die Krankenschwestern geschimpft habe. Sie hatten mehr als zwanzig Minuten gebraucht, um auf das Klingeln meines Vaters zu reagieren. In der Zeit könnte schon einer tot sein. Und dann war es nur Zufall, dass sie ins Zimmer kamen. Ich weiß, sie haben keinen leichten Job. Ich könnte das nicht. Heute verzeihe ich ihnen, dass sie meinen hilflosen Vater einfach sich selbst überließen.
Kaum liegt mein Vater gut versorgt im Bett, fallen ihm die Augen zu. Soll ich gehen? Oder lieber bleiben? Zusehen, wie dieser fremde Mann schläft? Ich kann nicht. Heute nicht. Meine Kräfte sind am Ende. Ich tausche die dreckige Wäsche gegen frische aus und verabschiede mich. Es zieht mich weg von hier. Hat mein Vater überhaupt mitbekommen, dass ich gehe? Ich streichle ihm noch mal sanft über die Wange, dann gehe ich. Ich habe nicht das Gefühl, dass mein Besuch einen Sinn hatte. Weder für Paps, noch als Beruhigung für mich.
Auf dem Weg zum Auto kann ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. In Strömen rennen sie meine Wangen hinunter. Weinend fahre ich durch die Straßen. Erst als ich fast mit einem anderen Auto zusammenstoße, reiße ich mich zusammen. Doch die Hoffnung habe ich verloren.
Meine Tränen versiegen, doch noch kann ich mit niemanden reden. Ich muss alleine sein. Ich fahre zur Sechs-Seen-Platte, setze mich ins Restaurant, esse Waffeln, trinke Kaffee. Anschließend gehe ich ein paar Schritte durch den Wald. Die große, gelb leuchtende Brücke zieht mich magisch an. Auf ihrem höchsten Punkt bleibe ich stehen und schaue auf meine Kindheit. Mein Zuhause liegt vor mir. Hier bin ich aufgewachsen. Da vorne rechts, in dem Freibad, habe ich schwimmen gelernt. Meine Mutter ging im Sommer mit mir und den Nachbarskindern dort schwimmen. Ich erinnere mich an Flöße aus Eisstielen. Da hinten links haben wir Enten gefüttert - meine Mutter, mein gleichaltriger Neffe und ich. Und über diese Brücke, auf der ich stehe, bin ich mit meinen Eltern und meinem ersten Freund spazieren gegangen. Hier gehöre ich hin, hier fühle ich mich Zuhause. Doch es ist alles so lange her.
Meine Mutter ist vor einem Jahr an Krebs gestorben, sie fehlt mir. Nun liegt mein Vater seit zweieinhalb Wochen im Krankenhaus. Schlaganfall. Er fehlt mir auch. Es ist, als würden mir sämtliche Wurzeln gnadenlos abgehackt. Es ist, als würde mir das Herz rausgerissen.
Ein einzelner Schwan schwimmt auf dem dunklen See. Er wirkt verloren. Unendlich viele kleine Wellen, vom Wind angetrieben, bevölkern die gesamte Seeoberfläche. Die Sonne glitzert im Wasser unter mir. Dieses Lichtspiel erinnert mich an Sylvester. Wenn all die vielen Raketen gleichzeitig mit vielen Wünschen für die Zukunft, hoch hinauf in den dunklen Himmel katapultiert werden und unzählige weiß glitzernde Sterne am Horizont funkeln. Heute funkeln sie im See.
Segelschiffe gleiten über die Sterne hinweg, unter die Brücke hindurch, hinein in den Hafen. Kinder mit Schwimmwesten winken fröhlich zu mir hinauf. Ich winke zurück. Als ich die Brücke verlasse, weiß ich nicht wie lange ich hier oben gestanden habe. Waren es nur zwanzig Minuten oder eher eine Ewigkeit?
06. September 2006