Es lebe der Frühling…

Abgelegt unter: Sinnig Unsinniges, SDS-Aufgabe, Glosse, Alles — Buchstabenwiese at 12:07 pm on Dienstag, April 22, 2008

Es lebe der Frühling 

„Jetzt den Sommer spüren. Warum warten? Jetzt ist Sommeranfang bei Douglas…“ So springt es mir auf der AOL-Seite ins Auge. 

Natürlich, warum warten? Klar, warten ist schließlich doof. Weiß doch jeder. Warten ist ein No Go. Lassen wir also den Frühling einfach aus und machen einen auf Sommer. Wer braucht schon den Frühling? Wie wäre es mit einem neuen Kalender, wo der Frühling und der Herbst einfach getilgt werden. Dann gäbe es nur noch Super-Sommer, Sonne, Sonnenstich und superleichte Düfte von Douglas, die uns praktisch schwerelos machen, uns in den Himmel fliegen lassen. Was dann noch der Winter im Kalender zu suchen hat? Na ist doch klar: Wer will schon auf das Weihnachtsgeschäft verzichten. 

Ich für meinen Teil liebe den Frühling. Auch wenn er nicht perfekt ist, so ist er auf jeden Fall voller Überraschungen. Frühlingsgefühle wechseln sich ab mit Frühjahrsmüdigkeit, genauso wie sich Sonne, Regen, Hagel und Schnee im April die Hand geben. Der Frühling ist das Erwachen der Natur, Knospen entfalten sich und trotzen dem nasskalten Wetter. Die Bäume beginnen zu sprießen, das erste Grün leuchtet und vertreibt das Wintergrau. Die Sonne erwärmt uns sanft mit ihren Strahlen, ohne uns zu verbrennen. Der Frühling weckt die Lebensgeister der Hoffnung, Hoffnung auf ein besseres Jahr, auf eine neue Liebe, auf das pure Leben. Der Frühling kämpft sich durch die Winterstarre und belebt die Natur und uns.  

Douglas hingegen scheint das egal zu sein, scheint mit dem Frühling abgeschlossen zu haben, schiebt die hoffnungsvollste Zeit des Jahres einfach so beiseite und schielt schon auf das Sommergeschäft.
Und sie sind bei weitem nicht die einzigen. Denn auch die Berliner Morgenpost schreibt: „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer.“ In meinem Kalender steht der Sommeranfang doch tatsächlich erst auf dem 21. Juni. Wir aber befinden uns mitten im April. Wieso also sollte es jetzt schon Sommer sein? Habe ich was verpasst? Kann hier jeder machen, was er will? Ich dachte das Privileg hätte der April.

Wenn das so weiter geht, stehen demnächst die Schokoladenweihnachtsmänner schon im Frühling in den Regalen, direkt neben den Osterhasen. Und am Ende kommt es doch noch so, dass Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen, vielleicht mitten im Sommer, da schmilzt auch die Schokolade so richtig schön. Na denn, Frohe und schokoladige Osternachten. Es lebe der Frühling. 

Martina Müller

Mathematik beim Bäcker - eins plus zwei gleich eins

Abgelegt unter: Glosse, Alles, Tagebuch — Buchstabenwiese at 11:35 pm on Montag, Februar 11, 2008

Mathematik beim Bäcker – eins plus zwei gleich eins 

Kann man mitten in einer Bäckerei voller Leckereien stehen und verhungern? Man kann! Zumindest in dieser Stadt: Ratingen.  

Sonntags besuchen wir üblicherweise meinen kranken Vater. Er liebt Kuchen und da man sich ja sonst nichts gönnt… wollten wir diesmal nicht nur für meinen Vater sondern auch für uns Kuchen besorgen. Ein Bäcker, der sonntags geöffnet hat, findet sich ja immer. So auch in Ratingen. Während mein Schatz also im Auto wartet, mache ich mich auf den Weg etwas Süßes zu organisieren.  

Just in dem Moment, als ich die Bäckerei betrete, scheint die halbe Stadt auf den Beinen zu sein und genau in diesem Augenblick gewisse Triebe zu verspüren. Natürlich. Ausgerechnet jetzt ist es proppevoll in dem kleinen Laden. Doch noch etwas scheinen die Menschen in der Bäckerei zu verspüren: Angst. Nackte Angst leer auszugehen. Auch ich spüre diese Angst tief in mir, fixiere verzweifelt ein einsames Marzipanhörnchen, in der Hoffnung, dass mein Blick es für andere unsichtbar macht. Wohlerzogen wie ich bin, stelle ich mich dennoch hinten an. Mindestens ein Mann und eine ältere Frau betreten nach mir die Bäckerei. Keine Ahnung wer und wie viele sonst noch nach mir dem Ruf nach Süßem gefolgt sind… Das Wissen an sich, hätte aber vermutlich auch keine Rolle gespielt.  

Der Laden leert sich nach und nach, ich warte und warte und warte und denke, irgendwann müsse ich nach meinen mathematischen Berechnungen auch mal dran sein… Fehlanzeige. Offensichtlich habe ich das System falsch verstanden. Es geht gar nicht der Reihe nach, es spielt gar keine Rolle, wo man steht und wann man gekommen ist. Einzig und allein die Stimme ist entscheidend. Und zwar wie kräftig sie ist. Wer seine Wünsche am lautesten äußern kann, ist dran. Okay, denke ich, nachdem letztlich nur noch drei Kunden im Laden stehen, ich eingerechnet… jetzt ist meine Stunde gekommen. Ich bin dran.

Meinen Berechnungen zufolge waren mindestens zwei Personen nach mir gekommen. Und eins plus zwei macht drei. Wir sind drei. Das kann nur eins bedeuten: Ich bin wirklich und wahrhaftig an der Reihe! Doch mathematische Berechnungen scheinen in einer Bäckerei keinen Platz zu haben… Der eine Mann rechts von mir wird bereits bedient, äh, war der nicht nach mir gekommen (?), als die Frage von der zweiten Verkäuferin kommt: „Wer ist jetzt dran?“ Jetzt oder nie, denke ich mir! Wenn eins plus zwei nicht drei ist, dann vielleicht zwei. Tapfer melde ich mich zu Wort, entschlossen mein Recht einzufordern, entschlossen der Mathematik gerecht zu werden… da faucht es links von der Seite: „Ich war ja wohl eindeutig vor Ihnen dran!“

Mein Blick fällt auf einen alten B… äh, eine ältere Frau! Und zwar auf jene, die eindeutig nach mir den Laden betreten hat. Die Verkäuferin zuckt nur mit den Schultern und meint, es würden alle dran kommen… Super! Vielen Dank auch. Innerlich kochend, übe ich mich in vornehmer Zurückhaltung, stelle aber klar, dass ich durchaus registriert habe, dass dieser… dieser… diese… ältere Frau sich vorgepfuscht hat: „Ich war definitiv nicht die Letzte, die gekommen ist, das weiß ich wohl! Aber bedienen sie ruhig die „Dame“, ICH habe Zeit.“

Mit Wonne registriere ich, dass die Vorpfuscherin puterrot anläuft und es nicht mehr wagt mich anzusehen. Ich hingegen lasse es mir nicht nehmen, sie abschätzend von der Seite zu betrachten, während sie ihre Wünsche preisgibt. Meine Laune bessert sich zusehends, als ich sehe, dass ihre Gesichtsfarbe immer leuchtender wird, und dass sie mein Marzipanhörnchen keines Blickes würdigt.  

Und wenn ich recht bedenke, auf die fünf Minuten kam es nun wirklich nicht mehr an. Immerhin konnte sich jetzt keiner mehr vorpfuschen, ich war allein mit den Verkäuferinnen und konnte nun in aller Ruhe aussuchen, was ich wollte. Ganz ohne Hektik.

Fast beschwingt kehre ich also zum Auto zurück, wo mein Schatz mich sehnsüchtig erwartet: „Ich dachte schon du wärst verschollen. Alle die nach dir gekommen sind, sind schon lange wieder draußen…“
„Ja, ist ja auch unverschämt, da war doch so ein blöder B… vorpfuschen… kam nicht zu Wort… alle unhöflich hier… unverschämt… ein Durcheinander…“
Was soll ich sagen, als wir bei meinem Vater in der Klinik ankamen, war mein Schatz auf dem neusten Stand in Bezug auf Umgangsformen und Bäckereifachberechnungen…

Martina Müller

Halt mal eben schnell die Zeit an

Abgelegt unter: Zeit, Glosse, Gedankensplitter, Alles, Tagebuch — Buchstabenwiese at 11:01 am on Dienstag, Januar 8, 2008

Halt mal eben schnell die Zeit an 

Unsere Sprache spiegelt oftmals wider, wie wir leben. Momentan scheinen wir in einer schnellen und hektischen Zeit zu leben.  

Wie oft sagen wir : „Ich geh’ mal schnell was essen, ich geh’ mal schnell was einkaufen, ich geh’ mal schnell in den Keller, ich geh mal schnell…“ Alles muss schnell gehen oder darf nur kurz dauern. Auch die zwei Wörtchen mal eben sind sehr beliebt. „Ich muss mal eben kurz dies oder das erledigen…“ Am besten mal eben zwischendurch.
Auch Telefonate beginnen oftmals mit den Worten: „Ich will gar nicht lang stören“ oder „Ich habe nicht viel Zeit“, „Nur ganz kurz“…
So geht immer mehr das Gefühl für den anderen Menschen und auch für uns selbst verloren. Keine Zeit. Schon beim Schreiben dieser Worte, wird mir ganz schwindelig. 

Es gibt Stimmen, die behaupten, wir hätten heute weniger Zeit als früher… Stimmt das? Soweit ich weiß, hat sich an der Zeit selbst nichts geändert: Ein Tag hat immer noch 24 Stunden, eine Stunde 60 Minuten und eine Minute 60 Sekunden… Zumindest hier scheint sich gar nichts verändert zu haben.  

Doch wir glauben, diese Zeit mit mehr füllen zu müssen. Ganz dem Motto: Wenn die Zeit sich nicht ausdehnen lässt, müssen wir eben schneller werden. Aber versuchen Sie mal einen starren Plastikbehälter mit den verschiedensten Dingen zu füllen und dabei jede kleinste Lücke auszunutzen. Der Behälter wird immer schwerer und unbeweglicher. Die Dinge darin verlieren an Bedeutung, besonders die kleinen, oftmals wertvollen Dinge gehen in der Masse unter. Und irgendwann ist der Behälter voll. Und: Wenn voll, dann voll. Mehr als voll geht nicht. Versuchen wir trotzdem noch mehr in diesen starren Behälter hineinzustopfen, bricht der Behälter auseinander oder läuft über… 

Eine schnelle hektische Zeit? Ja! Doch wir selbst sind es, die dazu beitragen, dass die Zeit hektisch wird.  

Doch wie sollen wir es ändern. Wir sind moderne Sklaven, Sklaven unserer Zeit oder unseres Selbst. Wir wollen auch das größte, schönste, schnellste Irgendwas haben, wie alle anderen auch. Wir wollen mit unserem Handy nicht nur ständig und überall erreichbar sein, nein, das genügt nicht, wir wollen zwischen den Telefonaten noch tolle Fotos machen, wir wollen das Internet in der Tasche herumtragen, so können wir mal eben schnell unsere Emails checken oder unterwegs beim Einkaufen noch im Internet einkaufen, Preise vergleichen, Zeit sparen oder soll ich sagen brachliegende Zeit, z.B. beim Warten, mit mehr Inhalt füllen.  

Und damit wir uns all unsere Wünsche erfüllen können, müssen wir unseren Chefs gerecht werden. Unsere Chefs verlangen Einsatz, Flexibilität, Belastbarkeit, Schnelligkeit und Perfektion und alles soll am Besten gestern erledigt sein, weil die Chefs der Chefs das ebenfalls von ihnen verlangen.
Kranksein? Wird gestrichen. Erstens ist dafür keine Zeit, zweitens ist es zu teuer. Kraftschöpfen ist nicht nötig, mangels Zeit. Einfach mal nicht funktionieren wie ein Maschinchen? Das vergessen wir besser gleich, sonst werden wir vielleicht durch ein Maschinchen ersetzt oder durch einen Menschen, der wie ein Maschinchen funktioniert. Immer öfter droht der Verlust des Arbeitsplatzes, wenn nicht alles sofort und gleich gelingt. Dabei wird übersehen, dass Geschäfte, die mal eben schnell und gleich getätigt werden, oftmals auch schnell wieder den Bach runtergehen. Was soll’s, ran an das nächste schnelle Geschäft. Alte Weisheiten wie „Gut Ding will Weile haben“ oder „In der Ruhe liegt die Kraft“ werden ignoriert. 

Wer ist nicht schon mal - oder auch öfter - in Hektik verfallen, weil ihm die Zeit davongelaufen ist. Zeit lässt sich nicht bestechen, sie läuft immer weiter im Gleichschritt Marsch. Mir passiert das immer wieder. Will ich dann in aller Hektik meine Ohrringe anziehen, fangen plötzlich meine Hände an zu zittern und ich finde das Ohrloch nicht. Nicht nur, dass mein Ohr anschließend wegen der Fehlversuche auffallend leuchtet, nein, da fällt mir auch noch der winzigkleine Verschluss auf den Boden. Eine Suche voller Hektik beginnt, weil die Zeit sich einfach nicht anhalten lässt. In der Hektik finde ich den Verschluss natürlich nicht, weil der Blick hektisch über den Boden irrt… Stopp. Am Ende habe ich länger gebraucht, als wenn ich alles in Ruhe gemacht hätte, mal ganz abgesehen von meinen zerfranselten Nerven.  

Ständig hat man das Gefühl, man müsse etwas tun. Denn einfach mal der Zeit zuzuschauen, wie sie vergeht, einfach mal nur da zu sein im Dasein, ist wohl ziemlich verpönt.
Doch niemand hat Power ohne Ende. Jeder braucht mal Zeit herumzutrödeln, um Kraft aufzutanken. Jeder muss einfach mal anhalten können, bevor er heißläuft und zerbricht. Burn-out-Syndrom ist schon lange keine Managerkrankheit mehr, weil die Hektik vor niemandem haltmacht. Hektik schwächt, macht krank und unzufrieden. Viele schaffen es nicht mal im Urlaub aufzutanken, denn die Hektik ist überall. Und weil so vieles unerledigt geblieben ist, muss es nun noch schneller gehen.  

Geben wir der Zeit mehr Zeit. Halten wir nicht die Zeit an, sondern uns selbst.

Martina Müller

Nur gucken, nicht knuddeln

Abgelegt unter: Glosse, Alles, Allgemein — Buchstabenwiese at 12:14 am on Donnerstag, Mai 24, 2007

Nur gucken, nicht knuddeln

„Wird Eisbär Knut gefährlich wie Gorilla Bokito?“ So lautet die Überschrift eines Artikels von AOL am 21.05.2007.
Mir sträuben sich die nicht vorhandenen Nackenhaare. Knut, der herzallerliebste Knut, der niedlichste Eisbär aller Zeiten, unser Berliner Wonneproppen, verstoßen von seiner eigenen Mama, soll irgendwann gefährlich werden?

Auf die Gefahr hin, dass ich mit dieser „brandneuen Neuigkeit“ einigen Knut-Fetischisten das Herz breche: Natürlich wird Knut gefährlich werden! Was dachten Sie denn? Knut ist ein Eisbär, gelegentlich auch Polarbär genannt, kein Plüschbär.
Aktivieren Sie Ihre Synapsen, lassen Sie den Weichspüler aus dem Synapsentempel und sehen Sie, was Knut wirklich ist: Ein Raubtier, ein Fleischfresser, er ist sozusagen der Fleischverschlinger (Carnivora) des eisigen Nordens. Das tapsige Knütchen wird unaufhörlich zum Knut-Giganten mutieren. Ein heiratsfähiger Eisbärmann wiegt nämlich zwischen 300 und 800 Kilogramm und gilt neben dem Kodiakbären als das größte an Land lebende Raubtier der Erde, man kann ihn nicht zum Kuscheln mit ins Bett nehmen. Zumindest nicht, wenn man auf risikoärmere Schlankheitskuren steht, als auf diese erdrückende Knut-Knutsch-und-Kuschel-Kur.

Robben, die je nach Art zwischen 25 und 300 Kilogramm wiegen können, stehen auf dem Speiseplan der Eisbären übrigens ganz weit oben. Glück gehabt, werden Sie denken… Doch auch wenn wir als Homo sapiens nicht zum Beuteschema der Knut-Giganten zählen, wird sich ein Eisbär sicher nicht ins Fell machen, einen Menschen zu verspeisen. Auch der süße Knuddel-Knut wird da keine Ausnahme machen, wenn er ausgewachsen ist. Eisbärenmänner sind in der Regel Einzelgänger und machen gelegentlich nicht mal vor Kannibalismus halt.
Ich bezweifle also, dass unser Knut nur deshalb gefährlich wird, weil er von Menschenhand aufgezogen und verhätschelt wird. Egal, ob Klein-Knut sich nun für einen Eisbären oder einen Menschen halten wird: Er wird gefährlich sein.
Ob Groß-Knut nun genauso gefährlich sein wird wie Gorilla Bokito, bleibt abzuwarten. Wenn sie mich fragen: Er wird gefährlicher sein.

Während der Gorillamann sicher genervt war von der Anmache der Gorilla-Stalkerin, liegt bei Knut hingegen die Gefährlichkeit bereits in seinen Raubtiergenen.
Genießen wir also die Zeit mit Klein-Knut, der unser Herz mit seiner tapsigen Art erobert hat, solange es geht. Denn irgendwann wird aus Knuddel-Knut ein Raubtier-Knut und dann heißt es: Nur gucken, nicht knuddeln.

Martina Müller


- Informationen über Eisbären und Co.: Quelle Wikipedia

Ich und Probleme?

Abgelegt unter: Glosse, Gedankensplitter, Alles, Tagebuch — Buchstabenwiese at 6:34 pm on Mittwoch, Mai 16, 2007

Ich und Probleme? 

„17-Jähriger saß mit Kopf der Mutter im Cafe“, so lautet die Überschrift eines Artikels von AOL vom 16.05.2007 in Zusammenarbeit mit Welt Online.
Erst kürzlich hatte ich ernsthaft über eine Psychotherapie nachgedacht, doch jetzt stellt sich mir die Frage: Habe ich wirklich Probleme?

Da suhle ich mich in Selbstmitleid, hänge heulend Zuhause herum, explodiere bei jeder Kleinigkeit, nur weil ich mit meinen Problemchen nicht mehr klarkomme. Doch was ist schon der vergebliche Kinderwunsch, anschließende Scheidung, erneute Trennung, Jobverlust, langjährige Beziehungskrise, Krebskrankheit der Mutter, Tod der Mutter, Schlaganfall des Vaters, Verlust des Elternhauses, finanzielle Krise, daraus resultierende Depressionen gegen die Köpfung der eigenen Mutter? Nichts. Plötzlich kommt mir der riesige unüberwindliche Berg vor wie ein winziger Hügel.

Da sehe ich die Welt grau in grau, verstehe den Sinn des Lebens nicht mehr und dieser 17-Jährige Japaner sitzt seelenruhig im Internet-Café und hört Musik. In aller Seelenruhe genießt er zwei Stunden lang Musik-Videos – mit dem Kopf seiner Mutter in der Schultasche.
Und bei Sonnenaufgang – der Junge hat Stil – soll er den Kopf dann in der Polizeiwache abgegeben haben. Ein netter Zug, wie ich finde. Erst gönnt er sich und der Mutter ein wenig Musik, dann sorgt er für Ordnung und Gerechtigkeit. Ob er mit Rap-Musik allerdings ihren Geschmack traf, bleibt zweifelhaft. Dennoch ist es bemerkenswert mit welcher Ruhe er vorging, obwohl er ein riesiges Problem mit sich herumtrug, während ich vollkommen aus dem Ruder laufe.

Angeblich soll sich der köpfende Japaner-Junge in psychiatrischer Behandlung befunden haben, weil er Schwierigkeiten gehabt habe, persönliche Beziehungen aufzubauen - was ich durchaus verstehen kann, wer verliert schon gerne seinen Kopf. Offenbar war die Behandlung auch nicht erfolgreich, denn ich bezweifle, dass Köpfen für den Aufbau von Beziehungen förderlich ist…

Und ich dachte, ich hätte Probleme… 

Martina Müller

Sein oder Nichtsein

Abgelegt unter: Glosse, Gedankensplitter, Alles, Tagebuch — Buchstabenwiese at 8:49 pm on Samstag, November 25, 2006

Sein oder Nichtsein

„Wenn die Menschheit plötzlich weg wäre…“ So lautet die Überschrift eines Artikels, der am 07.11.2006 in AOL unter der Rubrik Leben & Leute erschienen ist. Der Verfasser dieses Artikels spielte das Spielchen „Was wäre wenn…“? Wie lange würde es dauern bis die Natur sich von den Menschen erholt hätte?
Nun frage ich mich: Sind wir Menschen wirklich nur eine lästige Krankheit, üble Schmarotzer, Parasiten der schlimmsten Sorte?

Ich fühle mich angegriffen. Ich bin ein Homo Sapiens, gehöre eindeutig zur Gattung Mensch, falle unter dem Gesamtbegriff Menschheit und will weder zu einem anderen Planeten gebeamt noch von einem heimtückischen Virus dahingerafft werden. Ich will hier bleiben, auf dem wundervollsten Planeten, den es gibt. Ich fühle mich nicht als böser elender Schmarotzer, der nur ein Ziel hat: Die gute alte Erde zu zerstören…

Allein der Mensch bringt es wohl fertig, sich selbst – wenn auch nur gedanklich – zum Wohl der Natur und Umwelt auszurotten.
Tiere fragen nicht, ob ihre Existenz gut für Natur und Umwelt ist. Sie existieren. Punkt. Wen es stört, der kann ja zum Mond fliegen.

Oder hat Sie schon mal eine Spinne gefragt, ob es Sie stört, wenn sie sich direkt über Ihrem Bett abseilt? Nein, die Spinne tut es einfach. Nachdem sie auf ihren acht behaarten Ekelbeinen unbemerkt ins Haus gekrabbelt ist, ohne anzuklingeln.

Auch die gemeine Wespe fragt nicht, ob sie unseren Frieden stört, wenn sie uns hektisch ins Gesicht summt und uns mit ihrem fiesen Stachel bedroht. Nein, skrupellos sticht sie uns - ganz nach Lust und Laune - feige in den Rücken. Obendrein scheint sie zu glauben, wir seien verpflichtet, unsere Lebensmittel mit ihr zu teilen, oder warum macht sie sich sonst ungefragt über unseren Kuchen her? Aber vergreifen Sie sich mal an ihrem Nest…

Und die Ochsenfrösche erst. Die quaken bzw. brüllen darauf, was Andere von ihrer Gefräßigkeit und Vermehrungsfreudigkeit halten. Es schert sie nicht die Bohne, wenn andere Tierarten dabei draufgehen.

Aber würden wir Menschen diese Tiere auch nur gedanklich komplett ausrotten wollen? Nein, natürlich nicht. Im Gegenteil. Jede Tierart, die auf ein Minimum zusammenschrumpft, wird von uns geschützt. Ungeachtet dessen, ob sie friedlich ist oder nicht. Der Mensch fühlt sich schuldig. Er wird quasi mit Schuldgefühlen geboren.
Dabei haben die guten alten Dinosaurier es eigenartigerweise ganz ohne unsere Hilfe geschafft auszusterben*! Trotzdem gibt es Leute, die würden sie am Liebsten wieder zum Leben erwecken. Also ich für meinen Teil, kann gut darauf verzichten, auf dem Speiseplan der tödlichen Fressmaschine Tyrannosaurus rex zu landen.

Natürlich trägt der Mensch auch die Schuld an der Klimaveränderung. Wir Menschen sind es schließlich, die Autofahren, statt den ganzen Tag wie Faultiere am Baum herumzuhängen.
Wir Menschen sind es auch, die Sprays benutzen, damit wir nicht wie die Paviane stinken**.
Und doch… In den 4,6 Milliarden Jahren, in denen unsere Erde vermutlich existiert, hat sich das Klima – wenn auch nicht so rasant wie heute - erstaunlicherweise laufend verändert. Und das, obwohl es uns Menschen im Vergleich zu 4,6 Milliarden Jahren noch gar nicht allzu lange gibt.

Natürlich lässt es sich nicht leugnen: Wir Menschen beeinflussen das Geschehen auf der Erde erheblich - immerhin leben wir hier***. Und natürlich hat die Menschheit nicht nur Gutes vollbracht - wir sind eben nur Menschen. Aber haben wir deshalb kein Recht hier zu sein? Wir sind doch ein Teil der Natur, der Umwelt, der Erde, des Weltalls. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Haben wir nicht das Recht Spuren zu hinterlassen, und können wir wirklich beurteilen, was gut und was schlecht ist? Kommt es nicht immer auf die Sichtweise an? Nicht nur die Kopfläuse würden ihre Nahrungsquelle verlieren, wenn es uns Menschen nicht mehr gäbe. Ob die das wohl gut fänden?
Einstein würde sicher sagen: Gut ist relativ.

Vermutlich werden wir sowieso irgendwann aussterben. Doch die Erde wird weiterexistieren und andere, veränderte Lebewesen beherbergen, für die der Mensch nicht mehr als ein ausgestorbener Dinosaurier sein wird, der irgendwann mal existiert hat. Und vermutlich sind wir auf der Erde - in der Unendlichkeit des Universums - nicht größer, als eine Bakterie es für uns ist – ohne Mikroskop versteht sich.

Und trotzdem gehören wir Menschen dazu - als winziger Teil einer grenzenlosen Gesamtheit.

11.11.2006   Martina Müller


* Die Möglichkeit von Zeitreisen wurde hierbei nicht berücksichtigt…
** Gelegentlich soll es aufgrund von Nichtbenutzung der genannten Sprays zu Verwechslungen mit Pavianen gekommen sein…
*** Die Verfasserin dieses Textes möchte sich ausdrücklich dafür entschuldigen, dass der Mensch an sich existiert, weist aber jegliche Verantwortung von sich …
© Martina Müller / 2006