Halt mal eben schnell die Zeit an
Unsere Sprache spiegelt oftmals wider, wie wir leben. Momentan scheinen wir in einer schnellen und hektischen Zeit zu leben.
Wie oft sagen wir : „Ich geh’ mal schnell was essen, ich geh’ mal schnell was einkaufen, ich geh’ mal schnell in den Keller, ich geh mal schnell…“ Alles muss schnell gehen oder darf nur kurz dauern. Auch die zwei Wörtchen mal eben sind sehr beliebt. „Ich muss mal eben kurz dies oder das erledigen…“ Am besten mal eben zwischendurch.
Auch Telefonate beginnen oftmals mit den Worten: „Ich will gar nicht lang stören“ oder „Ich habe nicht viel Zeit“, „Nur ganz kurz“…
So geht immer mehr das Gefühl für den anderen Menschen und auch für uns selbst verloren. Keine Zeit. Schon beim Schreiben dieser Worte, wird mir ganz schwindelig.
Es gibt Stimmen, die behaupten, wir hätten heute weniger Zeit als früher… Stimmt das? Soweit ich weiß, hat sich an der Zeit selbst nichts geändert: Ein Tag hat immer noch 24 Stunden, eine Stunde 60 Minuten und eine Minute 60 Sekunden… Zumindest hier scheint sich gar nichts verändert zu haben.
Doch wir glauben, diese Zeit mit mehr füllen zu müssen. Ganz dem Motto: Wenn die Zeit sich nicht ausdehnen lässt, müssen wir eben schneller werden. Aber versuchen Sie mal einen starren Plastikbehälter mit den verschiedensten Dingen zu füllen und dabei jede kleinste Lücke auszunutzen. Der Behälter wird immer schwerer und unbeweglicher. Die Dinge darin verlieren an Bedeutung, besonders die kleinen, oftmals wertvollen Dinge gehen in der Masse unter. Und irgendwann ist der Behälter voll. Und: Wenn voll, dann voll. Mehr als voll geht nicht. Versuchen wir trotzdem noch mehr in diesen starren Behälter hineinzustopfen, bricht der Behälter auseinander oder läuft über…
Eine schnelle hektische Zeit? Ja! Doch wir selbst sind es, die dazu beitragen, dass die Zeit hektisch wird.
Doch wie sollen wir es ändern. Wir sind moderne Sklaven, Sklaven unserer Zeit oder unseres Selbst. Wir wollen auch das größte, schönste, schnellste Irgendwas haben, wie alle anderen auch. Wir wollen mit unserem Handy nicht nur ständig und überall erreichbar sein, nein, das genügt nicht, wir wollen zwischen den Telefonaten noch tolle Fotos machen, wir wollen das Internet in der Tasche herumtragen, so können wir mal eben schnell unsere Emails checken oder unterwegs beim Einkaufen noch im Internet einkaufen, Preise vergleichen, Zeit sparen oder soll ich sagen brachliegende Zeit, z.B. beim Warten, mit mehr Inhalt füllen.
Und damit wir uns all unsere Wünsche erfüllen können, müssen wir unseren Chefs gerecht werden. Unsere Chefs verlangen Einsatz, Flexibilität, Belastbarkeit, Schnelligkeit und Perfektion und alles soll am Besten gestern erledigt sein, weil die Chefs der Chefs das ebenfalls von ihnen verlangen.
Kranksein? Wird gestrichen. Erstens ist dafür keine Zeit, zweitens ist es zu teuer. Kraftschöpfen ist nicht nötig, mangels Zeit. Einfach mal nicht funktionieren wie ein Maschinchen? Das vergessen wir besser gleich, sonst werden wir vielleicht durch ein Maschinchen ersetzt oder durch einen Menschen, der wie ein Maschinchen funktioniert. Immer öfter droht der Verlust des Arbeitsplatzes, wenn nicht alles sofort und gleich gelingt. Dabei wird übersehen, dass Geschäfte, die mal eben schnell und gleich getätigt werden, oftmals auch schnell wieder den Bach runtergehen. Was soll’s, ran an das nächste schnelle Geschäft. Alte Weisheiten wie „Gut Ding will Weile haben“ oder „In der Ruhe liegt die Kraft“ werden ignoriert.
Wer ist nicht schon mal - oder auch öfter - in Hektik verfallen, weil ihm die Zeit davongelaufen ist. Zeit lässt sich nicht bestechen, sie läuft immer weiter im Gleichschritt Marsch. Mir passiert das immer wieder. Will ich dann in aller Hektik meine Ohrringe anziehen, fangen plötzlich meine Hände an zu zittern und ich finde das Ohrloch nicht. Nicht nur, dass mein Ohr anschließend wegen der Fehlversuche auffallend leuchtet, nein, da fällt mir auch noch der winzigkleine Verschluss auf den Boden. Eine Suche voller Hektik beginnt, weil die Zeit sich einfach nicht anhalten lässt. In der Hektik finde ich den Verschluss natürlich nicht, weil der Blick hektisch über den Boden irrt… Stopp. Am Ende habe ich länger gebraucht, als wenn ich alles in Ruhe gemacht hätte, mal ganz abgesehen von meinen zerfranselten Nerven.
Ständig hat man das Gefühl, man müsse etwas tun. Denn einfach mal der Zeit zuzuschauen, wie sie vergeht, einfach mal nur da zu sein im Dasein, ist wohl ziemlich verpönt.
Doch niemand hat Power ohne Ende. Jeder braucht mal Zeit herumzutrödeln, um Kraft aufzutanken. Jeder muss einfach mal anhalten können, bevor er heißläuft und zerbricht. Burn-out-Syndrom ist schon lange keine Managerkrankheit mehr, weil die Hektik vor niemandem haltmacht. Hektik schwächt, macht krank und unzufrieden. Viele schaffen es nicht mal im Urlaub aufzutanken, denn die Hektik ist überall. Und weil so vieles unerledigt geblieben ist, muss es nun noch schneller gehen.
Geben wir der Zeit mehr Zeit. Halten wir nicht die Zeit an, sondern uns selbst.
Martina Müller